Projekt
Experte kartiert traditionelle Obstsorten, um sie zu zu erhalten

Der Kaiser-Wilhelm-Apfel ist ein Plagiatsfall in der Pomologie (Obstbaukunde), sagt Hans-Thomas Bosch scherzhaft. Der Obstsortenkundler steht in einem alten Obstgarten in Tannen bei Kempten und dreht einen der «Plagiatsäpfel» in den Händen.

Er begutachtet ihn genau. Schließlich erfasst er für ein Projekt alte Kernobstsorten - sprich Äpfel und Birnen - im Allgäu. Dazu gehört auch der Kaiser-Wilhelm-Apfel. << Der Name >>, sagt Bosch, << stammt von einem Mann, der eine besonders schöne Apfelsorte hatte und sie zu Ehren des Kaisers nach diesem benennen wollte. Der Kaiser stimmte auch zu. Allerdings hat ein Kollege mittlerweile rausgefunden, dass der Kaiser-Wilhelm-Apfel schon vorher Peter-Broich-Apfel hieß >> - benannt nach einem rheinländischen Pfarrer.

Berufsbedingt essen

Bosch steckt sich einen Kaiser-Willhelm-Apfelschnitz in den Mund. Besonders in jüngster Zeit isst er viele Äpfel- und Birnenstücke. Das ist berufsbedingt. Der Pomologe arbeitet für die Bayerischen Landesanstalt für Wein- und Gartenbau im unterfränkischen Veitshöchheim. Seit zwei Jahren kartiert er im Allgäu alte Obstbäume für das Projekt << Erhalt und Nutzung alter Kernobstsorten in der Region Allgäu >>.

Der Geschmack der Früchte spielt für ihre Unterscheidung eine wichtige Rolle. Weiter lassen sie sich unter anderem anhand ihrer Form, ihrer Schale und ihres Fruchtfleisches einordnen.

Rund 180 alte Apfel- und 120 Birnensorten hat Bosch in den vergangenen zwei Jahren im Allgäu gefunden. Alt bedeutet in diesem Fall, dass die Bäume mindestens 60 Jahre zählen sollten. Auf die Suche nach betagten Gehölzen macht sich Bosch in der Haupterntesaison von August bis Oktober.

Im Moment durchstöbert er Kempten und Umgebung, unterstützt von Rudolf Fischer von der Stadtgärtnerei. Dabei stieß er auf zwei besondere Schätze: << Wir haben den dicksten Birnbaum gefunden, den ich je gesehen habe. Der Stamm hat einen Umfang von 4,30 Meter >>, sagt Bosch. Um welche Sorte es sich handelt, kann er aber noch nicht sagen.

Bei Birnen stoße er oft auf ihm unbekannte Sorten, so der Pomologe. Diese Früchte nimmt er mit, um ihnen mithilfe von Büchern, Kollegen oder Obstausstellungen vielleicht doch noch einen Namen zuordnen zu können.

Der zweite Glücksgriff war der Obstgarten in Tannen. Auf dem rund ein Hektar großen Gelände wachsen 22 Apfel- und zwölf Birnensorten. << Schon mein Großvater hat hier Obstbäume gehabt >>, berichtet Karl Haneberg, der sich auf dem Anwesen seiner Tochter auch heute, mit 87 Jahren, noch um die Obstbäume kümmert.

<< Eine so große, erhaltene Obstwiese ist selten >>, sagt Bosch. << Wenn man aber eine findet, ist es normal, dass dort viele Sorten wachsen.

>> In Tannen sind das etwa die Schweizer Wasserbirne, die eine besonders große Saftausbeute hat, der Hagedorn Apfel, dem Bosch bisher live noch nie begegnet ist, und ein über 100 Jahre alter Baum der Birnensorte Deutsche nationale Bergamott.

Die Daten all dieser Gehölze tippt Bosch in einen Taschencomputer ein. Das Gerät hat einen GPS-Empfänger und ist mit Luftbildern von einem Kartierungssystem ausgestattet. Direkt darauf wird jeder einzelne Baum markiert und ist anschließend zweifelsfrei wiederzufinden.

Stellt sich noch die Frage, wofür das Ganze? Ein Grund für die Erfassung sei, dass alte Sorten oft anpassungsfähiger und frostsicherer sind. Mit ihrem Erhalt soll ein vielfältiger Genpool bewahrt werden. << Wir brauchen für das Allgäu Sorten, die sich in der Höhe und Kälte hier bereits bewährt haben >>, sagt Fischer.

Inzwischen sind Züchter laut Bosch außerdem an den alten Sorten interessiert, weil sie damit andere Nuancen an Geschmack und Farbe einbringen können. Obst sei der Mode unterworfen. << Im 18. Jahrhundert sollten Äpfel am besten eckig und mit Beulen sein. Heute müssen sie glatt und rund sein >>, sagt Bosch.

Der Hauptunterschied zwischen alten und neuen Sorten liegt für den Pomologen aber in deren Verwendung. Heute gebe es durchwegs Tafeläpfel, die gegessen werden. << Früher waren es zu 90 Prozent Wirtschaftsäpfel >>, sagt der Wissenschaftler. Sie wurden zu Most und Saft verarbeitet oder gedörrt.

Ist die Kartierung der Bäume abgeschlossen, werden 100 Apfel- und 100 Birnensorten ausgewählt, die in der Obstbauschule Schlachters in Sigmarszell (Westallgäu) gezüchtet werden, um sie zu erhalten.

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