Opfenbach / Feldkirch
Ein Allgäuer ist Vorarlbergs oberster Musik-Pädagoge

Eigentlich stand dieser Karriereschritt nicht auf der Liste von Jörg-Maria Ortwein. Bis zum Jahr 2006 war er ein leidenschaftlicher und hervorragender Saxofonist und Musiklehrer. Dann trat der Leiter des Landeskonservatoriums Vorarlberg in Feldkirch, wo Ortwein die Abteilung Bläser und Schlagwerk leitete, zurück. Völlig unerwartet wollte eine Kollegen-Mehrheit ihn als Chef haben. «Da blieb mir nichts anderes übrig, als anzunehmen», sagt er.

Seiher ist Ortwein, der im Opfenbacher Ortsteil Mellatz (Westallgäu) lebt, der oberste Musikpädagoge Vorarlbergs. Von 2006 bis 2007 führte er das Haus mit seinen rund 360 Studierenden noch interimistisch, nach einem internationalen Auswahlverfahren 2007 wurde er zum künstlerisch-pädagogischen Leiter berufen. Der Musiker musste sich zum Manager wandeln.

Das fiel in eine Zeit, da der musikalische Tausendsassa Ortwein gerade etwas kürzertreten wollte. Seit Ende der 1980er Jahre betrieb er nämlich gleich mehrere Projekte gleichzeitig. In Feldkirch lehrte er in Vollzeit Saxofon. In Kempten, wo er aufgewachsen war, unterrichtete er - auf einer halben Stelle - an der Musikschule und leitete die Bigband.

Daneben spielte er in verschiedenen Bands sowie bei Orchestern wie den Bamberger Sinfonikern mit - wobei er mit renommierten Dirigenten und Solisten wie Ingo Metzmacher oder Sabine Meier zusammenarbeitete.

Er fühlt sich wohl beim Nachbarn

2005 hörte der Vater von vier Kindern in Kempten auf und wollte sich mehr in die Familie einbringen. Ein Versuch, der fehlschlug. Die Leitung des Konservatoriums beansprucht ihn 50 bis 65 Stunden pro Woche. Gewöhnlich verlässt er morgens um 7 Uhr sein Haus in Mellatz, um mit Auto, Bus und Zug nach Feldkirch zu fahren. Oft kehrt er erst um 10 oder 11 Uhr abends heim.

Was zieht den Allgäuer nach Vorarlberg? Er fühle sich dort einfach wohl - nicht zuletzt wegen der ähnlichen Mentalität hüben wie drüben. Was er aber besonders schätzt, sind die guten Arbeitsbedingungen. «Ich habe selten einen kulturell so fruchtbaren Boden erlebt wie dort», erklärt der 48-Jährige.

Kaum ein Tag, an dem zwischen Bregenz und Bludenz nicht irgendeine interessante Veranstaltung über die Bühne gehe. Die Musikschuldichte sei in Vorarlberg sogar einzigartig in Europa, sagt Ortwein. Ein Eldorado für Kunst und Musik, das die Allgäuer Nachbarn noch viel mehr nutzen sollten.

Außerdem gefällt ihm die internationale Atmosphäre im «Ländle». Nicht nur Künstler aus Österreich, sondern auch aus der Schweiz, Liechtenstein und Deutschland arbeiteten dort. Die Studenten an seiner Hochschule kommen aus dem gesamten Bodenseeraum. Einige stammen auch aus dem Allgäu, und Ortwein hofft, es werden in den nächsten Jahren noch mehr. Viele Musiktalente wüssten gar nicht, dass es das Konservatorium und zwei mit ihm kooperierende Musik-Gymnasien gebe.

Früher war Ortwein ein musikalischer Brückenschlager. Er fühlte sich in der Klassik genauso wohl wie im Jazz oder Pop. Das hat sich nicht geändert. Im Konservatorium führte er die Schwerpunkte «improvisierte Musik» sowie Ethnomusikologie ein - damit ist Volksmusik gemeint.

Grenzen werden aufgebrochen

«Die Grenzen zwischen den Musikrichtungen werden immer mehr aufgebrochen», hat Ortwein festgestellt. Die Klassiker schätzen zunehmend die Freiheiten der improvisierten Musik, die Jazzer tummeln sich auch gerne auf dem klassischen Feld.

Vor seiner Zeit als künstlerischer Leiter des Vorarlberger Konservatoriums hat Jörg-Maria Ortwein dies selbst intensiv praktiziert. Nun kommt er kaum noch dazu. Seine Instrumental-Projekte hat er stark zurückfahren müssen. Nur selten noch gibt er Konzerte mit seinem Saxofon-Quartett. Ab und zu spielt er in einer Isnyer Rockband mit. «Ein trauriger Aspekt» des Aufstiegs, sagt er. Deshalb habe er sich damals, 2006, auch ein paar Tage Bedenkzeit erbeten, bevor er zusagte. Er hat es nicht bereut. Schließlich könne er als Chef sehr viele Akzente setzen.

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