Stötten / Marktoberdorf
Der große Kommunikator

Auf den ersten Blick scheint es kurios, was Jürgen Schwarz am heutigen Samstag in Memmingen macht. Bei der Delegiertenversammlung des Chorverbandes Bayerisch-Schwaben tritt er als Präsident zurück - freiwillig und ohne dass ein Streit oder Machtkampf in dem 17000 Mitglieder zählenden Verband ausgebrochen wäre. Doch es ist alles andere als ein Machtverlust, den Schwarz erleidet. Denn die Chor-Delegierten sollen ihn zum geschäftsführenden Vizepäsidenten wählen. Das hieße, er behielte die Zügel bei dem mächtigen Verband weiter in Händen, auch wenn künftig der SPD-Landtagsabgeordnete Paul Wengert (Füssen) an der Spitze steht.

Jürgen Schwarz, der Mann mit der smarten Tenorstimme, ist zum starken Mann in der schwäbischen, ja gar in der bayerischen Chorlandschaft aufgestiegen. Gehör verschafft er sich seit fünf Jahren. 2005 wurde er vom Bayerischen Musikrat zum Geschäftsführer der gemeinnützigen Projektgesellschaft des Musikrates gemacht. Eine einflussreiche Position. Schwarz verantwortet seither nicht nur die Bayerische Musikakademie Marktoberdorf, sondern auch rund ein Dutzend von Musikrat-Projekten wie die Bayerische Chorakademie, die Bayerische Orchesterakademie, verschiedene Wettbewerbe, Seminare oder das «Netzwerk Musik in Bayern», das sich unter anderem fürs Singen in den Grundschulen stark macht.

Kurvenreiche Biografie

Sein Büro hat der 49-Jährige im ehemaligen Schloss in Marktoberdorf, wo die Musikakademie beheimatet ist. Seine Arbeit ist allerdings alles andere als musisch inspiriert. Als Geschäftsführer kümmert er sich hauptsächlich ums Organisatorisch-Finanzielle. Zahlen, nicht das Singen sind sein tägliches Brot. Schwarz hat sich als knallharter Kalkulierer einen Namen (und damit natürlich auch Feinde) gemacht.

Das Wissen dazu hat sich Schwarz, der aus einer Kemptener Unternehmerfamilie stammt, in einer kurvenreichen Biografie angeeignet. Sie begann auf dem musischen Gymnasium in Marktoberdorf samt Gesangsausbildung in den Chören von Arthur Groß. Doch nach der 11. Klasse war Endstation. Seine Mutter nahm ihn von der Schule. «Weil ich stinkfaul war», sagt Schwarz. Es folgte eine Ausbildung zum Großhandelskaufmann und eine Tätigkeit in der Verwaltung eines Modehauses.

1989 wechselte er zur Sailerbrauerei in Leuterschach (Ostallgäu) und absolvierte eine weitere Lehre - als Bierbrauer. «Ein Knochenjob.» Nach eineinhalb Jahren holte ihn der Firmenchef und Schwiegervater Gerd Borges in den Führungszirkel. Unter anderem half Schwarz, die fünf Brauereistandorte zu einem einzigen zusammenzulegen und eine aufgekaufte Brauerei in Rumänien zu modernisieren.

1999 verließ Schwarz die Brauerei und rückte beruflich wieder näher an die Musik: Er stieg in der Musikakademie Marktoberdorf ein und war dort - unter Dolf Rabus - für die Geschäftsführung zuständig.

Inzwischen ist er der Mann, der auf dem Marktoberdorfer Schlossberg alleine die Zügel in der Hand hält. Außerdem mischt er - ehrenamtlich - beim Marktoberdorfer Künstlerhaus mit.

Beim Carl Orff Chor dabei

Jürgen Schwarz ist ein Machtmensch - aber nicht im negativen Sinn. «Er redet mit den Leuten, ist dabei immer freundlich, nie herablassend», urteilt einer, der ihn gut kennt. Er selbst sagt: «Ich versuche immer, Probleme mit Gesprächen zu lösen.» Ein sanfter, gleichwohl energischer Kommunikator.

Das Singen und Musizieren hat Schwarz, der mit seiner Frau in einem Weiler bei Stötten am Auerberg (Ostallgäu) lebt, in all den Jahren nie losgelassen. Sie gebe ihm die innere Ruhe und Ausgeglichenheit, die er für die anstrengenden Jobs benötigt. Viele Jahre spielte er als Pianist bei Jazzrock- und Funkbands. Seit Anfang der 1990er Jahre singt er beim renommierten Carl Orff Chor in Marktoberdorf mit. Außerdem leitet er ein achtköpfiges Vokalensemble mit Namen «Animato».

Jürgen Schwarz vereint Gegensätze, im Inneren wie im Äußern: Betriebswirtschaft und Singen, Nüchternheit und Emotionalität, Bluejeans und Trachtenjanker, Krawatte und «Brilli» im Ohr. Wenn er allerdings wählen müsste zwischen Musik und Beruf, dann wüsste er sofort, welche Entscheidung er träfe. «Es gibt nichts Schöneres, als im Ensemble das zu präsentieren, was wir einstudiert haben - und wenn Sänger und Publikum zu einer Einheit verschmelzen.»

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