Durach / Nesselwang
Der «Geier» kehrt in sein Allgäuer Nest zurück

Beinahe vergießt Josef Allgaier Tränen der Rührung. Da steht der 86-jährige Schreiner aus Nesselwang-Wank auf dem Flugplatz Durach und sieht jenes Segelflugzeug wieder, das er in den 1950er Jahren konstruierte, und das lange Zeit als verschollen galt: den «Geier 1». Mit Allgaier sind zahlreiche Veteranen der Allgäuer Flugszene nach Durach gekommen, um den Oldtimer in Empfang zu nehmen.

Wochenlang hat Josef Allgaier dem Augenblick entgegengefiebert. Er wird an diesem sonnigen Nachmittag nicht nur von Ehefrau Sina und Sohn Max begleitet. Im Schlepptau hat er auch zwei ehemalige Mitarbeiter, die Anfang der 1950er Jahren am Bau des Prototypen in der Nesselwanger Schreinerwerkstatt beteiligt waren, der Zimmermann Andreas Haug (80) und der Modellbauer Wilfried Hirsch (72).

Gemeinsam mit Josef Allgaier erinnern sie sich, wie sie den ersten Geier 1 planten und bauten. Über den Verbleib des Prototyps ist nichts bekannt, nach dem Verkauf verloren sie das Flugzeug aus den Augen. Ein weiteres Exemplar verließ Allgaiers Werkstatt als Bausatz. Die Luftsportgruppe Kempten baute ihn 1955 zusammen.

Josef Allgaier war ein typischer Allgäuer Mächler und ein fanatischer Flugzeugkonstrukteur. Seinen Traum vom Fliegen erfüllte er sich Ende der 1930er Jahre mit ersten eigenen Segelflugstarts in der Flieger-Hitlerjugend am Tegelberg. Schon damals tüftelte er an Verbesserungen. Verwirklichen ließen sie sich freilich nicht angesichts des Weltkriegs.

In den Zeiten des beginnenden Wirtschaftswunders fertigte Allgaier in seiner Schreinerwerkstatt Flügel und Leitwerke für den Dachauer Flugzeugbauer Scheible. Und er brütete über Plänen für ein eigenes Segelflugzeug. Seine Geburt erlebte der Geier 1 im Jahr 1955. Experten lobten ihn als leicht zu fliegendes Hochleistungs-Segelflugzeug, das keine Konkurrenz zu fürchten brauchte.

Bei Weltmeisterschaft im Einsatz

Doch kaum war der Geier 1 in der Luft, kamen aus den USA neue, leistungsstärkere Flügelprofile. Allgaier reagierte sofort und entwickelte den «Geier 2». Im Sommer 1956 hob er erstmals ab und kam sogar bei einer Segelflug-Weltmeisterschaft zum Einsatz.

Doch aus dem Höhenflug des Geiers 2 wurde bald eine finanzielle Bruchlandung für den Konstrukteur. «Man braucht viel Geld für die Entwicklung, einen Namen in Fliegerkreisen und erfolgreiche Piloten», erklärt Allgaier. Schließlich besann er sich auf seine beruflichen Wurzeln als Schreiner und verkaufte alle Pläne und Lizenzen.

Insgesamt wurden rund ein Dutzend Geier 2 gebaut. Drei davon sind noch heute in der Luft. Dorthin soll 2010 auch der Geier1 wieder abheben. Die Luftsportgruppe Kempten will den Segler über den Winter flugtauglich bekommen.

Dass dieses Flugzeug, das so lange verschollen war, überhaupt wieder im Allgäu ist, hat sie dem begeisterten Modellflieger und Ingenieur Erwin Seibold aus Kempten und seinem detektivischen Spürsinn zu verdanken. Bei einem Oldtimertreffen 2008 wurde er von einem Engländer auf einen Erfinder namens «Josef Algeyer» und den Geier 1 angesprochen.

Verkauf per Handschlag

Damals konnte Seibold keine Auskunft geben, doch ging ihm die Sache nicht mehr aus dem Kopf. Er recherchierte im Internet und stieß auf die Firma Allgaier in Wank bei Nesselwang. Er traf sich mit Josef Allgaier. Der allerdings bezweifelte, dass sein Geier 1 noch in Betrieb sei.

Seibold ließ nicht locker. Er suchte weiter, knüpfte Kontakte in Fliegerkreisen und bekam von einem Engländer einen Tipp: Der Geier 1 stehe auf dem Flugplatz Keevil zwischen Bath und Stonehenge in Südengland. Seibold reiste im Sommer 2009 mit seinem Enkel David auf die Insel und wurde in einem Hangar fündig. Rasch war der Besitzer gefunden.

Rick Fretwell hatte den Geier vor acht Jahren erworben. Und er verkaufte ihn überraschend an Ort und Stelle an Seibold - per Handschlag. Anschließend erklärte Fretwell: «Ich bin den Segler nie geflogen, denn mit meinen zwei Metern passe ich überhaupt nichts ins Cockpit.»

Nun ist das Flugzeug wieder im Allgäu. Für Seibold und Allgaier ging ein Traum in Erfüllung. Seibold formuliert das so: «Der Geier kehrt zurück in sein Nest».

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