Wengen / Kempten
Bauernverband: Ortsgruppe löst sich auf

Er hat so gar nichts Revolutionäres an sich und doch hat der Landwirt Reinhard Kögel aus Wengen (Oberallgäu) einen Stein ins Rollen gebracht, der für den Bayerischen Bauernverband (BBV) zur Lawine werden könnte. Auf der Jahresversammlung der Ortsgruppe Wengen/Kleinweiler trat Kögel aus Protest gegen die Politik des Bauernverbandes von seinem Amt als Obmann (Erster Vorsitzender) zurück. Ihm gleich taten es die gesamte Vorstandschaft und die beiden Ortsbäuerinnen.

Doch anstelle von Vorwürfen oder Kritik an ihrem Vorgehen, erntete das bisherige Führungsteam breite Zustimmung. Viele Versammlungsmitglieder begrüßten das entschlossene Vorgehen ihrer Vorstandschaft, zeigten sich spontan solidarisch und unterschrieben sofort an Ort und Stelle ihr Kündigungsschreiben gegenüber dem BBV. Gut eine Woche nach der Versammlung stand fest: Die BBV Ortsgruppe löst sich praktisch in nichts auf. Von einem totalen Kollaps des Bauernverbandes Wengen/Kleinweiler sprach deshalb Kögel mit Blick auf die vielen Kündigungsschreiben, die mittlerweile bei ihm eingegangen waren. Von 37 Landwirten kündigten sage und schreibe 31 ihre Mitgliedschaft.

Kündigungen übergeben

Gestern nun übergaben die scheidenden Mitglieder ihre Kündigungen gesammelt dem Geschäftsstellenleiter des BBV Kempten Erich Krug. Ein Gang, der Reinhard Kögel sichtlich zusetzte: «Eigentlich bin ich ein sehr ruhiger Typ, es geht mir wirklich gegen den Strich, an die Öffentlichkeit zu gehen», meinte Kögel mit fast schon entschuldigendem Schulterzucken. Doch die Verantwortung gegenüber seinen Mitgliedern habe ihm keine andere Wahl gelassen.

Einig waren sich die Anwesenden auch hinsichtlich der Beweggründe für eine derartig drastische Aktion. Seit Jahren würden sie sich im Stich gelassen und nicht ernst genommen fühlen.

«Aus unserer Sicht vertritt der Bauernverband schlicht und einfach nicht mehr die Interessen der Milchbauern», erklärte zum Beispiel die ehemalige Ortsbäuerin Siglinde Kögel mit Nachdruck. Auch die rigide Haltung des Bauernverbandes zur Blauzungenimpfung stieß vielen Anwesenden übel auf: «Mit den gesundheitlichen Problemen nach der Impfung im Stall müssen wir allein fertig werden, doch unser Verband kämpft für eine Pflichtimpfung, statt sich für eine freiwillige Impfung einzusetzen», ärgerte sich der Wengener Landwirt German Sutter.

«Machtpolitische Spielchen»

Besonders prangerten die Beteiligten auch die «machtpolitischen Spielchen» an, die ihrer Meinung nach verbandsintern ausgefochten werden. Die Abwahl von Dr. Leopold Herz als Kreisobmann oder auch die Nichtnominierung von Josef Zengerle als Vorsitzender des milchwirtschaftlichen Vereins kommentierte Kögel kopfschüttelnd: «Wer nicht voll auf der Linie des BBV ist, wird abgesägt.»

Die Landwirte aus Wengen und Kleinweiler setzen dagegen weiter auf Gemeinschaft. Zusammen gründeten sie die «Land- und Forstgemeinschaft Wengen-Kleinweiler», die von nun an allen Landwirten offen stehen soll, unabhängig von etwaigen Verbandzugehörigkeiten. «Wir nehmen übrigens auch Mitglieder mit abweichenden Meinungen», sagte der neu gewählte Erste Vorsitzende Reinhard Kögel mit verschmitztem Lachen.

Das könnte Sie auch interessieren

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen
Powered by Gogol Publishing 2002-2019