Zwischen Heilung und Hiobsbotschaft

Von Iris Hiltensberger | Kempten Es riecht nach Gummi und Schweiß - so wie in den meisten Turnhallen. An der dunklen, holzverkleideten Wand der Lindenberg-Schulturnhalle hängen Basketballkörbe - so wie in den meisten Turnhallen. Obwohl die acht Frauen im Kreis ihre Gymnastik gerade begonnen haben, wie bei anderen Vereinsgruppen auch, ist es hier anders. Eine der Frauen spricht es aus: 'Das Intime hier, das ist es, warum wir herkommen.' An einem Abend pro Woche treffen sich hier an Brustkrebs erkrankte Frauen zum Sport.

Bevor es richtig los geht, fragt TVK-Übungsleiterin Melanie Würr jede der Aktiven, wie es ihr derzeit geht. Eine der Frauen berichtet von einem Mitglied, das heute in der Runde fehlt. Nach einer erneuten Untersuchung sei ihr ein schlechtes Ergebnis mitgeteilt worden. 'Mit unseren Gedanken sind wir bei ihr', sagt Würr ruhig. Nach kurzer Zeit fährt sie fort: 'Wir konzentrieren uns jetzt auf die Zeit, die wir hier haben - ganz allein für uns.'

Nach den Aufwärm-Übungen laufen alle schwungvoll auf den Zehen wippend durch die Halle. Einige Zweier-Grüppchen haben sich gebilde; es wird gelacht, geplaudert. So ins Gespräch vertieft, merkt es Hannelore Mayer (Name von der Redaktion geändert) nicht sofort, dass alle anderen nach Aufforderung von Würr rückwärts laufen.

Mit den Händen wird gepumpt

Zwischendurch wird mit den Händen 'gepumpt', sie also aufgemacht und wieder zur Faust geballt. 'Das ist wichtig, dass die Lymphe abfließen können, denn oft müssen die Lymphknoten bei einer Brustkrebs-Operation mit entfernt werden. Die Folge ist, dass die Finger dick werden', erklärt Würr.

Das ist nicht die einzige Besonderheit dieser speziellen Sporteinheit. 'Viele Betroffene haben sich, bedingt durch die Narbenbildung, eine Schonhaltung angewöhnt', so die 53-Jährige. Auch die Narben selbst schränken die Bewegungsfreiheit ein, so Würr.

Beim Bayerischen Versehrten-Sportverband (BVS) hat sie eine Zusatzausbildung speziell für Reha-Sport nach Krebserkrankungen absolviert. Seit über sechs Jahren betreut sie - als Betroffene weiß sie, wovon sie spricht - diese Gruppe.

Während sich alle Frauen auf mitgebrachte Iso-Matten legen und sich zu Atemübungen entspannen, ist Jutta Gutmann (Name geändert) aufgestanden. Sie hat Schmerzen in den Zehen. 'Das liegt an der Chemotherapie, die ich am Montag wieder angefangen habe'. Pausen wie diese gehören zu den regelmäßigen Abenden dazu. Auch, als sich eine Teilnehmerin lieber auf einen Stuhl setzt, als auf dem Boden zu liegen, ist das eine Selbstverständlichkeit, die niemanden aufschauen lässt.

'Wir sind zum Sport machen hier, tauschen uns aber auch viel aus', sagt Würr, als sich in einer kurzen Pause wieder einige Frauen angeregt unterhalten. Seit einiger Zeit seien zu den derzeit 15 Aktiven keine neuen dazu gestoßen, so die 53-Jährige. 'Über Interesse freuen wir uns immer', wirbt sie für ihre Gruppe. Doch gebe es eine Bedingung: 'Wer mitmacht, muss Gruppen fähig und psychisch einigermaßen stabil sein. Wir brauchen keine, die die ganze Zeit nur rumheult.'

Als die AZ-Redakteurin am Ende der Veranstaltung die Halle verlässt, klingen ihr noch die Abschieds-Worte der Übungsleiterin nach: 'Außer zum Arbeiten will ich Sie hier nicht wieder sehen!'

Der TV Kempten 1856 bietet den 'Sport nach der Brustkrebs-Operation' jeden Mittwoch ab 17.30 Uhr an.

Nähere Informationen unter Telefon (08374) 7546.

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