Oberallgäu
Zwischen den Jahren regieren die bösen Geister

Zwischen den Jahren treiben sich unheimliche Gestalten in den Nächten herum - zumindest in der Phantasie unserer Altvorderen. Um die wilden Heere der Geister und Gespenster zu vertreiben, wurden im Allgäu früher alle Räume des Hauses ausgeräuchert, weiß Heimatforscher Jochen König. In Petersthal zum Beispiel lebt dieser Brauch in den so genannten Raunächten sogar bis heute fort, wurde ihm bei einem Vortrag über Allgäuer Bräuche erzählt.

Gut möglich, dass der Begriff Raunacht nicht nur etwas mit den «rauen Geistern» zu tun hat, die der Überlieferung nach zwischen dem ersten Weihnachtsfeiertag und Dreikönigstag ihr Unwesen treiben. Laut König könnte die Bezeichnung auch mit dem Räuchern zusammenhängen. Dafür wurden in einer Pfanne Weihrauch, Glut und Kräuter von Kräuterboschen gemischt. Damit zog man von Zimmer zu Zimmer und in den Stall und betete das Vater Unser.

Dass die Raunächte als unheimlich und gefährlich galten, liegt wohl an der Zeitrechnung nach einem Mondjahr, die bis zur Einführung des Gregorianischen Kalenders galt. Ein Jahr aus zwölf Mondmonaten umfasste nur 354 Tage. Die auf die 365 Tage des Sonnenjahres fehlenden elf Tage, also zwölf Nächte, galten als «Zeit im Niemandsland», wie König erklärt. In vorchristlicher Zeit brausten die alten Götter Wotan und Donar durchs Land - womit sich die Winterstürme erklärten.

Mit viel Krawall und Krach mussten sie vertrieben werden.

Aber auch für Wettervorhersagen und Zukunftsprognosen eignen sich die Raunächte. Im Allgäu wurden laut König zwölf Schüsseln mit Salz an Weihnachten aufgestellt und bis Dreikönig stehen gelassen. Danach ließ sich ablesen, wies Wetter in den kommenden Monaten wird: «War in der vierten Schüssel das Salz pelzig, wurde es ein nasser April. War das Salz in der zehnten Schüssel trocken, gabs einen tollen Oktober», so der Heimatforscher.

Die Mädle im Oberallgäu versuchten derweil herauszufinden, wer ihr Zukünftiger wird: Zogen sie ein langes Holz aus dem Stapel, konnten sie auf einen großen Mann hoffen, war das Scheit kurz, blieb ihnen ein kleiner Dicker. Und ergab ein nach rückwärts geworfener Apfelschalenring einen Buchstaben, dann wussten sie schon mal, wie der Vorname des Zukünftigen beginnt.

Schimmelgespann unterwegs

Gespenstisch gings nach der Überlieferung auch in Kempten zu: Um Mitternacht zog ein zwei- bis vierspänniges Schimmelgespann vom Schlössle zu einer Bauernschaft, mit «Gepolter, enzialem Stampfen und Rasseln» verschwand es hinter den Toren der Tenne, die sich dann wieder verschlossen. Nachgeforscht hat dem Geistergefährt, von dem anderntags jede Spur fehlte, freilich niemand: «Es fürchteten sich alle», entnimmt König einer alten Überlieferung.

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