Zugführer lässt zehn Schüler am Bahnsteig stehen

Marktoberdorf/Ebenhofen (vit). - Der Ärger mit dem Schülerzug von Kaufbeuren nach Marktoberdorf reißt nicht ab: Gestern um 7.43 Uhr fuhr der Triebwagen in Ebenhofen wieder ab, obwohl noch rund zehn Schüler einsteigen wollten. Laut Bahn reichen die Plätze im Zug aber für alle Schüler aus. Der Zug sei am Halt Ebenhofen etwas früher dran gewesen als normal, erzählt eine Mutter aus Altdorf. Rund zehn Schüler standen noch vor den Türen, als das Signal zur Abfahrt kam. Gestikulierend versuchte sie den Lokführer zu stoppen. Doch der fuhr Richtung Marktoberdorf los. Dass die Schüler bewusst nicht mitfahren wollten, könne man mit Sicherheit nicht sagen, betont sie. Die Zustände in dem Schülerzug sorgen schon seit Jahren immer wieder für Unmut. Denn in dem Doppeltriebwagen mit 300 Plätzen herrscht nach Beobachtung von Schülern, Eltern und Lehrern drangvolle Enge. Mit Einführung der sechsstufigen Realschule im Herbst hat sich die Situation verschärft. Denn bisher besuchten die Fünft- und Sechstklässler aus der Gemeinde Biessenhofen die dortige Hauptschule, nun müssen sie beim Wechsel auf eine weiterführende Schule mit dem Zug nach Marktoberdorf fahren. Aufgrund der gestiegenen Schülerzahlen blieben schon mehrfach in Ebenhofen einzelne Schüler am Bahnsteig zurück, die es nicht schafften, sich noch in ein Abteil zu drängen. 'Der Waggon ist proppevoll. Keiner weiß, wo er einsteigen soll, um reinzukommen', schildert Landrat Johann Fleschhut eigene Eindrücke, die er bei einer Probefahrt im Herbst sammelte. Personal fehle, das den Schülern zeigt, wo Platz ist. Die Einstiegsbereiche blockierten Raucher, an Plätze im Mittelteil sei kaum zu gelangen. Fazit des Landrats: Die Verhältnisse sind 'untragbar'. Ähnlich sieht es die Polizei: Hier bestehe Handlungsbedarf, fasst Marktoberdorfs Polizeichef Gerhard Kreis die Eindrücke eines Beamten zusammen, der im dienstlichen Auftrag im Schülerzug saß. Die 'sonderbare' Platzberechnung der Bahn übersehe, dass die Schüler sperrige Schulranzen mitbringen. Protestbriefe schickte vor diesem Hintergrund nicht nur das Landratsamt, sondern auch die Schulleitungen und die Elternbeiräte. Denn ab nächstem Herbst nutzen noch mehr Schüler diesen Zug. Doch die Reaktionen der Bahn sind wenig Erfolg versprechend: Nur 230 Fahrgäste würden im Schnitt gezählt, erklärte gestern Bahnsprecherin Bianca Walter. Doch es gebe 146 Sitz- und 154 Stehplätze. Ein längerer Zug sei daher nicht drin. Auch ein zusätzlicher Bus wäre mit 50000 Euro Kosten pro Jahr unwirtschaftlich für die kurze Strecke, zumal ja - nach Bahnrechnung - ausreichen Platz vorhanden wäre.

300 Plätze mit Einweiser Dass tatsächlich 300 Schüler in einem Doppeltriebwagen rein passen, bestätigte auch ein Test der Realschule. Doch stellvertretender Schulleiter Hans-Jürgen Bäuml verweist darauf, dass die 300 nur mit einem Einweiser unterzubringen waren. Im Normalfall, wenn der Zug eine Minute hält, fehle aber eine Aufsicht und die Eingänge seien verstopft, auch wenn in den Abteilen vielleicht noch Platz ist. 'Wenn man so mit Tieren umgehen würde, gäbe es einen Massenaufstand. Kindern mit sperrigem Schulranzen und Instrumentenkoffern mutet man das aber zu', empört sich Geoffrey Cheeseman von Elternbeirat des Gymnasiums. Dem gestrigen Zwischenfall kann er ein Quäntchen Positives abgewinne: Dadurch gerate das Problem nicht in Vergessenheit. Beim Landrat ist das Thema immer wieder präsent: 'Als Landkreis bezahlen wir die Schüler-Fahrten in Bussen und Bahnen. Dafür können wir auch eine entsprechende Leistung fordern.' Wichtig sei nun, genaue eigene Zahlen zur Auslastung vorzulegen, um gegenüber der Bahn bessere Argumente zu haben. Denn für Landrat Fleschhut ist auch im Hinblick auf steigene Zug-Schüler-Zahlen ab Herbst klar: 'Das freundliche Abblocken der Bahn werde ich auf Dauer nicht mehr akzeptieren.'

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