Kaufbeuren
Zeit ist relativ

Der Königsberger Philosoph Immanuel Kant bezeichnete die Zeit als «reine Anschauungsform», die wie der Raum eine ureigene Bedingung des Menschen zur Erkennung der Welt ist. Auch deshalb steht das Türmchen mit den vier Uhren am Kaufbeurer Busbahnhof im Interesse der Öffentlichkeit - für manche mehr, für andere weniger.

Einem AZ-Leser fiel jedoch auf, dass eine der vier Uhren ein Eigenleben führte. «Am Bahnhofsvorplatz steht eine Säule mit einem Aufsatz einer würfelförmigen Uhr. Nach Norden, Osten und Süden zeigt diese die richtige Zeit an. Richtung Westen geht die Uhr seit mehr als einem Jahr eine Stunde und sieben Minuten voraus», schreibt der Leser. Deshalb habe er bei Behörden und Unternehmen angefragt, wer die Uhr stellen könne: «Niemand ist zuständig für dieses Übel.»

«Die Zeit beschreibt die Abfolge von Ereignissen, hat also im Gegensatz zu anderen physikalischen Größen eine eindeutige Richtung», heißt es in einem Fachbuch. Doch davon kann bei der Zuständigkeit keine Rede sein. «Das Gelände gehört definitiv nicht der Stadt», wusste immerhin der städtische Baureferatsleiter Ralf Baur. Auch in den Abteilungen für Tiefbau- und Liegenschaften sowie Straßenverkehr wurde versichert, dass man nichts mit der Uhr am Hut habe.

Die Verkehrsgesellschaft Kirchweihtal gab zwar bereitwillig zu, den Busbahnhof zu nutzen und auch zu säubern, aber mit der Uhr «haben wir nichts zu tun», so Fahrdienstleiter Christian Frankenberger. Und die Vereinigten Wertach- Elektrizitätswerke wiesen ebenfalls jede Verantwortung von sich, teilten aber mit, dass ein Mitarbeiter der Deutschen Bahn die Uhr betreue. Doch die weiß von nichts, beteuerte die Presseabteilung jedenfalls mehrfach. Und ein Mitarbeiter der Tochtergesellschaft Station und Service wurde gar grantig, als er darauf angesprochen wurde. Die Uhr schien also ohne Besitzer und vogelfrei.

Doch schließlich scheint der Kaufbeurer Bauhof den richtigen Riecher zu haben: Früher habe es einen Vertrag zur Betreuung der Uhr zwischen Stadt und DB gegeben. Deshalb wartete jahrelang ein Elektriker das Uhrtürmchen. Der habe einen Nachfolger bekommen, der sich nun um die Sache kümmere, erläuterte Bauhofleiter Georgio Buchs. Zwar weiß niemand, wo der Mitarbeiter zu finden ist, aber es tat sich etwas: Denn im neuen Jahr gehen nun alle Uhren am Busbahnhof im Gleichklang. Manchmal sollte man es eher wie William Shakespeare halten und bei einer «würfelförmigen» Uhr Toleranz für die Zuständigkeiten haben: «Begegnen wir der Zeit, wie sie uns sucht.»

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