Ottobeuren
Wo Säulen wackeln und Boden schwingt

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In der barocken Bibliothek der Benediktinerabtei in Ottobeuren wackeln die schweren Stuck-Marmor-Säulen, wenn Frater Tobias an ihnen ruckelt. Der Holzboden schwingt beim Gehen; an Wänden und Decke ziehen sich Risse durch Bilder und Anstrich. Das Problem: Der über zwei Jahrhunderte alte Dachstuhl - eine Holzkonstruktion als Stütze - ist zu weich geworden für das zu tragende Gewicht und drückt die Seitenwände nach außen; sie driften auseinander - bis zu 14 Zentimeter.

Im Bibliotheksflügel des Klosters steht die statische Sanierung noch aus. Statiker erarbeiten gerade ein Konzept. In der angrenzenden Basilika ist sie seit 2004 in vollem Gange (wir berichteten). Die drei großen Kuppeln im Inneren des Gotteshauses sind laut Cornelia Bodenstab, Baudirektorin beim Staatlichen Bauamt Kempten, «steindick gemauert» und entsprechend schwer.

In 25 beziehungsweise 35 Metern Höhe drückt ihr Gewicht ähnlich wie in der Bibliothek auf die Außenwände. Ein Querbalken, der das stemmen könnte, fehlt aufgrund der Raumhöhe. Verschiebungen um bis zu zwei Zentimeter und zum Teil große Risse im Mauerwerk sind die Folge - auch wenn der Dachstuhl aus bautechnischer Sicht für damalige Verhältnisse (18. Jahrhundert) «perfekt» geplant worden sei, wie Bodenstab findet.

Einsturzgefahr ist kein Thema

«Dieser Prozess läuft seit 200 Jahren und beschleunigt sich immer mehr», sagt Frater Tobias mit Blick auf die Verschiebungen. Er ist der Fachmann für alle Bauangelegenheiten in der Abtei. Lange hätte man seiner Meinung nach nicht mehr mit einer Sanierung warten können. Einsturzgefahr sei aber zu keiner Zeit ein Thema gewesen. Auch nicht, als im Jahr 2000 «ein ganzer Schuhkarton voll Putz» (Bodenstab) aus der Engelskuppel in den Altarbereich stürzte. Verletzt wurde niemand, aber «es war gefährlich», sagt Bodenstab. Seit November halten massive Träger aus Stahl die Dachkonstruktion der Basilika wie Klammern zusammen.

Momentan sind Handwerker und Bauarbeiter im Dachraum über der Engelskuppel zu Gange. Um zu verhindern, dass Putz oder Gesteinsbrocken zu Boden fallen, ist im Inneren ein großes Fangnetz gespannt. Mit Abschluss der Dachstuhlsanierung verschwindet der Kran im Sommer vom Abteigelände, kündigt Bodenstab an.

Risse werden gefüllt

Um die drei Kuppeln zu sanieren - also die Risse zu füllen - müssen in der Basilika bis Ende 2011 immer wieder Baugerüste aufgestellt werden. Konzerte und andere Veranstaltungen sollen laut Bodenstab dadurch aber unbeeinträchtigt bleiben.

Im Jahr 1960 fiel laut Frater Tobias der Startschuss für «diese, eine große Baumaßnahme, die bis heute andauert». Allerdings habe man damals teilweise nur notdürftig ausgebessert - etwa von vier faulen Balken im Dachstuhl lediglich die oberen zwei ausgetauscht. Bis in die 1970er-Jahre «hatten wir Holzöfen, kein fließendes Wasser und am Ende des Ganges gabs ein Plumpsklo», beschreibt der Frater die damalige Situation.

Viele Millionen Mark und Euro sind in den vergangenen Jahrzehnten in Renovierung und Sanierung von Kloster und Basilika geflossen. Das Besondere ist für Frater Tobias, dass sehr viel im Originalzustand erhalten werden konnte. Dennoch dürfe man nicht vergessen, dass die Abtei nicht nur Denkmal und Museum ist, sondern auch lebendiges Kloster.

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