Allgäu
Wo es eine Kunst ist, Rad zu fahren

Fußball, Eishockey und Handball stehen fast jede Woche im Blickpunkt der Berichterstattung, wenn es um den Sport in unserer Region geht. Weil wir aber auch jene Leistungen gebührend würdigen wollen, die nicht so sehr im Fokus der Öffentlichkeit stehen, stellen wir in einer neuen Serie in loser Folge «Randsportarten» vor. Den Auftakt macht heute das Kunstradfahren:

Lautrach Ein ehemaliger Bundestrainer bezeichnete es als die «vollendetste Version des Geräteturnens» und Sportwissenschaftler sind sich einig: das Kunstradfahren gehört mit zu den schwierigsten Fortbewegungsarten. Kein Wunder also, dass dieser ästhetische Sport, der kurz vor der Jahrhundertwende in Amerika aufkam, heute zu den Randsportarten gehört.

Um so erstaunlicher ist es, dass Kunstradfahren in der 1200-Einwohner-Gemeinde Lautrach im Illerwinkel seit vielen Jahren erfolgreich betrieben wird. Der RMSV (Rad- und Motorsportverein) Lautrach 1890 ist momentan der einzige Verein im Allgäu, der diese Leistungssportart anbietet.

Begonnen hat alles relativ gemütlich: einige Familien machten gerne zusammen Fahrradausflüge und gründeten vor 120 Jahren den Solidaritäts-Radsportverein Lautrach. Inspiriert durch Vorbilder aus Mindelheim, wagten sich schon bald die ersten Vereinsmitglieder auf das Einrad und ab 1961 schließlich auch auf das Kunstrad.

Heute zählt der Verein 130 Mitglieder und betreibt die Abteilungen: Kunstradfahren, Radball und Fahrrad-Breitensport. Kunstrad fahren derzeit sieben Kinder und Jugendliche im Alter zwischen acht und 14 Jahren - ausnahmslos Mädchen, erzählt Roswitha Heißmann. Sie ist seit 32 Jahren als Trainerin tätig und hat ihre erfolgreiche aktive Zeit mit vielen Titeln, darunter auch mit dem der «Deutschen Junioren-Vizemeisterin», gekrönt. Zwei Mal wöchentlich dreht sie mit ihren Schützlingen intensive Übungsrunden in der örtlichen Turnhalle, die für Wettbewerbe aber zu klein ist.

«Zu den Meisterschaften legen wir immer einen weiten Weg zurück; die nächstliegenden Vereine sind in Friedberg und Augsburg», sagt Barbara Gerster. Auch sie, eine erfolgreiche Ex-Kunstrad-Sportlerin, hilft wie einige andere Ehemalige beim Training. Mal mit, mal ohne Hilfestellung, lobend und aufmunternd, immer bereit, Stürze abzufangen oder zu verhindern, drehen die Betreuerinnen im Laufschritt ihre Runden neben den Kunstradfahrerinnen. Nein, verletzt habe sie sich noch nie und auch keine ihrer Kolleginnen, winkt Anna Übele ab.

Dies sei keine gefährliche Sportart, so die 14-Jährige, die seit vier Jahren diesen Sport betreibt und beim Zweier-Kunstradfahren bereits Schwäbische Meisterin wurde. Zusammen mit der zwölfjährigen Hannah Klenovsky zeigt sie ihr Können: auf dem Sattel liegen, auf Sattel und Lenker stehen, die Partnerin auf den Schultern, dabei immer die Arme graziös gespreizt - und das Rad fährt wie von selbst weiter im Kreis.

Auf der anderen Hälfte der Turnhalle üben Anna Frey (9 Jahre), Julia Klenovsky (13) und Laura Reismann (11) abwechselnd das Rückwärts- und auf dem Hinterrad fahren; auch bei den Jüngsten klappt der schwierige «Frontlenkerstand» schon ohne Hilfe.

«Ja, gute Muskeln braucht man halt - vor allem am Bauch!», lacht Laura und die Trainerin ergänzt, dass neben einem guten Gleichgewichtsgefühl Kondition, Kraft und Spannung unabdingbar seien, um die hohe Kunst auf zwei Rädern zu beherrschen. Zwei Trainingseinheiten in der Woche seien für den Schüler- und Jugendbereich, in dem sich die Lautracher bewegen, noch ausreichend. Wollte man aber über die Bezirksebene hinaus in Richtung «Deutsche» erfolgreich sein, müsste man mehr tun, so Heißmann.

«Derzeit trainieren wir für die Schwäbische Meisterschaft, die am Samstag, 6. Februar in Friedberg stattfindet», erklärt Anna Übele. Sagts und schwingt sich anmutig aufs Rad, um ihre akrobatischen Übungen zu verfeinern.

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