Wir achten die Würde des Menschen

Lindenberg Im April soll die Lindenberger Tafel eröffnen. Bürger mit niedrigem Einkommen werden dort sehr günstig Lebensmittel kaufen können. Vorbild ist die Tafel in Lindau. Unser Redaktionsmitglied Peter Mittermeier hat sich mit Harald Thomas, Geschäftsführer des Kreis-Caritasverbandes, über das Vorhaben unterhalten. Die Caritas organisiert die Tafel.

Wie weit sind die Pläne für Ihre Tafel in Lindenberg gediehen?

Harald Thomas: Wir werden die Lindenberger Tafel erstmals am 21. April öffnen. Geeignete Ladenflächen, zentrumsnah, gleichzeitig aber nicht auf dem Präsentierteller gelegen, haben wir in der Weinstraße gefunden. Jetzt sind wir dabei die Einrichtung zu besorgen und den Betrieb zu organisieren.

Die Konjunktur boomt. Die Arbeitslosigkeit im Westallgäu ist sehr niedrig. Gibt es hier überhaupt einen Bedarf für eine Tafel?

Thomas: Aber ja. Der Aufschwung ist bei unserer Klientel nicht wirklich angekommen. Im Gegenteil. Es kommen eher noch mehr Menschen zu uns. Die Zahl der Menschen in sozialen Notlagen steigt auch im Landkreis stetig.

Von wie vielen Menschen reden wir?

Harald Thomas: In Lindau haben etwa 350 Personen einen Ausweis, mit dem sie bei uns einkaufen können. Zweidrittel davon kommen regelmäßig in die Tafel. Wenn man Angehörige mitrechnet, werden Woche für Woche gut 450 Menschen über die Tafel versorgt. Mit ähnlichen Zahlen rechnen wir in Lindenberg.

Die Preise in der Tafel sind sehr niedrig. Für ein Kilogramm Obst oder Gemüse beispielsweise verlangen Sie in Lindau 40 Cent. Warum verschenken Sie die Waren nicht?

Thomas: Die Bürger, die zu uns kommen, wollen keine Almosen, sie wollen die Waren bezahlen. Die Menschen haben oft einen steilen Abstieg hinter sich. Die Arbeit verloren, erst Arbeitslosengeld I, dann Arbeitslosengeld II bezogen, zuletzt sind sie auf die Grundsicherung angewiesen - die Würde ist oft das Letzte was sie haben. Das achten wir.

Woher beziehen Sie die Waren, die Sie in der Tafel verkaufen?

Thomas: Wir sammeln überschüssige Nahrungsmittel ein. Das sind Waren, die qualitativ einwandfrei sind, aber kurz vor dem Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums liegen. Ein Beispiel: Wenn ein Discounter Netze mit neun Orangen hat, von denen eine oder zwei schlecht sind, kann er das Netz normalerweise nicht mehr verkaufen. Wir sortieren die schlechten aus und verwerten die anderen.

Wer beliefert Sie?

Thomas: In Lindau können wir die Waren bei einigen Discountern abholen. Außerdem bekommen wir von allen ortsansässigen Bäckern, einigen Obstbauern, Metzgern und Gärtnereien Ware. Und wir haben ein Netzwerk mit sechs Nachbartafeln geknüpft. Alle zwei, drei Wochen treffen wir uns und tauschen Waren, die nicht so schnell verderben. Ähnlich wie in Lindau werden wir den Betrieb auch in Lindenberg organisieren.

Sie haben in Lindau 70 Helfer, die alle ehrenamtlich tätig sind. Wie viele benötigen Sie in Lindenberg?

Thomas: Wir rechnen mit derselben Zahl. In Lindau haben wir sechs Gruppen mit jeweils neun Helfern. Sechs davon müssen an den Öffnungstagen da sein. Die Gruppen übernehmen jeweils einen Tag und organisieren sich quasi selber.

Der Personalbedarf ist für eine zweistündige Öffnungszeit am Tag sehr hoch. Woran liegt das?

Thomas: Das hat mehrere Gründe: Zum einen haben wir keine Selbstbedienung in unserer Tafel. Wir wollen nicht, dass die Waren zerwühlt werden. Zum anderen kümmern sich die Helfer auch um die Aufbereitung der Lebensmittel, räumen sie in die Regale, sortieren unbrauchbare Ware aus. Es ist im Grunde das Prinzip eines Tante-Emma-Ladens.

Was benötigen Sie denn noch, um in Lindenberg öffnen zu können?

Thomas: Vor allem zwei Dinge - Helfer und Spenden jeder Art. Wir werden für die Tafel ein Fahrzeug mit Kühlkoffer beschaffen, mit dem wir die Waren bei unseren Lieferanten abholen. Wir brauchen das Auto, damit die Kühlkette bei den Lebensmitteln nicht unterbrochen wird. Mercedes sponsert die Hälfte des Fahrzeuges, die andere Hälfte müssen wir finanzieren. Wir haben schon einige Sponsoren gefunden wie die Kartei der Not, benötigen aber noch weitere Unterstützung für die Anschubfinanzierung. Den laufenden Betrieb finanzieren wir dann über die Einnahmen.

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