Sonthofen
Wildes Treiben nach strengen Regeln

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Als der erste Böllerschuss durch die Sonthofer Innenstadt hallt stürmen sie los: 170 Fellgestalten mit bedrohlich wirkenden Hörnern rennen in die Fußgängerzone. Die rund 5000 Besucher blicken ihnen mit einer Mischung aus Faszination und Furcht entgegen. Die zahlreichen Kinder drängen sich näher zu ihren Eltern. Doch die Klausen laufen an den Passanten vorbei, stellen sich auf und setzen ihre Metallschellen in Bewegung. Das Durcheinander von großen und kleinen Schellen füllt die Straßen mit einem bedrohlichen Klang. Erst müssen Dämonen und böse Wintergeister vertrieben werden, dann beginnt die Jagd.

Eine Stunde zuvor stehen die wilden Männer in der Markthalle Schlange. Sie haben sich äußerst zivilisiert in einer Reihe aufgestellt und warten, bis jeder eine Nummer bekommen hat. Sollte einer von ihnen über die Stränge schlagen, wäre er anhand dieser Nummer zweifelsfrei zu identifizieren. «Bei uns gibt es klare Regeln», sagt Michael Lerpscher, Vorsitzender des Sonthofer Klausenvereins, der 1976 gegründet wurde. «Es wird während des Treibens kein Alkohol getrunken, die Ruten werden kontrolliert, es wird nicht über Hüfthöhe und nur in dem abgesperrten Bereich geschlagen», erklärt der freundliche 43-Jährige, der noch ohne Verkleidung inmitten der abgestellten Klausenköpfe steht. «Es kann nicht unser Ziel sein, dass sich die Leute nicht mehr vor die Haustür wagen», sagt er. «Schließlich arbeiten wir das ganze Jahr an unseren Kostümen, die wollen wir natürlich auch zeigen.»

Auch Marius Paleduhn hat mehrere Monate an seinem «Klausenhäß» für diesen Abend gebastelt. Jetzt steht der 21-Jährige in einem schwarzen, zotteligen Fell in der Markthalle, aus seinen Schultern ragen zwei spitze Hörner. «Seit ich als kleiner Junge herausgefunden habe, dass unter den Klausenkostümen Männer stecken, wollte ich auch mitmachen», erzählt Paleduhn. Als er das Mindestalter von 16 Jahren erreicht hatte, rannte er das erste Mal mit und ist seitdem jedes Jahr dabei gewesen.

Michael Lerpscher hat sich inzwischen verwandelt, das Vereinsoberhaupt trägt jetzt ein dunkles Fell und sein Gesicht ist tiefschwarz und blutrot bemalt. Er ist auf ein kleines Podest in der Mitte der Markthalle gestiegen und hält eine kurze Ansprache, bevor das Treiben beginnt.

«Passt auf die Kinder auf und meldet sofort, wenn irgendwelche Schäden entstehen», sagt er in einem ruhigen, fast väterlichen Ton, der gar nicht zu seinem diabolischen Äußeren passt. Dann bringt er mit langsamen, aber kräftigen Hüftbewegungen die schwere Zugschelle, die um seinen Körper gebunden ist, in Bewegung. Alle anderen Klausen stimmen ein, bis ein ohrenbetäubendes Geläut die Markthalle erfüllt.

Das Treiben ist jetzt in vollem Gange, die Klausen jagen die Fußgängerzone auf und ab. Einige Jugendliche sprinten davon und rennen dem nächsten Klausenrudel in die Arme. Ruten prasseln unerbittlich auf Hosenbeine, bis die Opfer mit schmerzverzerrtem Gesicht in den Menschentrauben Schutz suchen, die sich um die Glühweinstände gebildet haben. Zwei Buben haben sich unter dem geschmückten Baum verkrochen, der beim Marktbrunnen aufgestellt ist.

Vor den Absperrungen am Rande der Fußgängerzone drängen sich die Schaulustigen. Hier wird nicht geschlagen, hier ist man in Sicherheit.

Durch die Reihen der Klausen stapft ein kleines Fellknäuel. Der achtjährige Niklas präsentiert stolz das schneeweiße Klausenkostüm, das ihm seine Großmutter gefertigt hat. «Ich bin schon das vierte Mal dabei», erzählt er, bevor er mit seiner Mutter weiter die Hochstraße entlang läuft. Ein riesenhafter, dunkler Klaus läuft vorbei. Seine Hörner ragen majestätisch in den Nachthimmel, seine Rute hält er bedrohlich in der rechten Hand. Mit der linken streichelt er fast zärtlich Niklas über den kleinen Fellkopf. Um Nachwuchs brauchen sich die Sonthofer Klausen keine Sorgen zu machen.

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