Widerstand vor 60 Jahren führt zu aktuellen Fragen

Marktoberdorf (hie). - Der 60. Jahrestag des Attentats auf Hitler am 20. Juli 1944 war für die die Marktoberdorfer SPD Anlass, den 'Widerstand gegen Hitler' zum Thema ihres 15. Sonntagsgesprächs zu machen. Mit Marie-Luise Schultze-Jahn, einer ehemaligen Aktivistin der 'Weißen Rose' und Alfred von Hofacker, dem Sohn eines Offiziers, der am militärischen Widerstand gegen Hitler beteiligt war, begrüßte Jutta Jandl zwei Zeitzeugen zur Diskussion auf dem Podium. Teils im Gespräch miteinander, teils aufgrund gezielter Fragen aus dem Auditorium beschrieben und bewerteten sie die Widerstandsbewegungen aus ihren Erfahrungen. Warum sich mit der Vergangenheit beschäftigen? - Mit dieser Frage eröffnete Marie-Luise Schultze-Jahn ihren Vortrag. Gegen das Vergessen der Ereignisse vor 60 Jahren anzugehen sei der Motor für ihr Auftreten in der Öffentlichkeit. Als Studentin bekam sie über ihren damaligen Freund Kontakt zur 'Weißen Rose'. Nach der Hinrichtung der Geschwister Scholl hatte sie zusammen mit ihm die Flugblätter weiter verteilt. Im Herbst 1943 wurden die Beiden verraten und verhaftet. Im Oktober 1943 wurde Schultze-Jahn zu zwölf Jahren Zuchthaus verurteilt und Ende April 1945 von den Amerikanern befreit.

Ganz andere Erinnerungen sind in Alfred von Hofacker wachgeblieben: Er war ganze 9 Jahre alt gewesen, als das Attentat auf Hitler am 20. Juli 44 scheiterte und sein Vater als einer der Drahtzieher des militärischen Widerstands in Frankreich zum Tode verurteilt und gehängt worden war. Seine Familie kam daraufhin in Sippenhaft, was für ihn persönlich die Unterbringung in einem Kinderheim bedeutet hatte. Lange habe er die Ambivalenz seines Vaters, der sich zwischen 1933 und 1944 von einem anfangs begeisterten NSDAP-Mitglied zu einem leidenschaftlichen Widerstandskämpfer gewandelt hatte, nicht akzeptieren können. Erst die intensive Auseinandersetzung mit den Lebensbedingungen und den Ereignissen jener Zeit habe ihn seinen Vater verstehen lassen, Ganz unterschiedlich wurden die Intentionen der beiden Widerstandsgruppen dargestellt: Während es den Mitgliedern der 'Weißen Rose' lange Zeit überwiegend um die Aufklärung der Bevölkerung und die Wiederherstellung humanistischer Werte ging - ohne Konzept für eine Zeit nach Hitler -, planten die Militärs gerade für die Zukunft Deutschlands nach Hitlers Tod. Das Attentat war für sie eine Notwendigkeit, um die Wehrmacht vom 'Führereid' zu befreien. Beide Vortragenden bemängelten, dass der Widerstand gegen das Naziregime heute in der öffentlichen Diskussion überwiegend auf den studentischen Widerstand mit den Ereignissen um die Geschwister Scholl und den militärischen Widerstand mit den Ereignissen um den 20. Juli 44 reduziert werde. Tatsächlich sei er von breiten Schichten mitgetragen worden, von denen von Hofacker besonders die Arbeiterschaft, SPD, Kommunisten, Konservative und die Kirche aufzählte. Ein Zuhörer wandte ein, dass Deutschland nicht erst 1945 eine schwere Niederlage erlitten habe, sondern dass es bereits 1933 durch demokratische Wahl verhängnisvoll Schaden genommen habe, als die gewalttätigen Nationalsozialisten durch die Unterstützung auch der Intellektuellen an die Macht gekommen waren. Von Hofacker stimmte dem zu und mahnte, dass sich unsere heutige Demokratie bisher nie in einer kritischen Situation habe bewähren müssen. Sie sei bisher immer von Wohlstand begleitet und damit einfach gewesen. Ob wir wirklich streitbare Demokraten geworden sind, werde sich zeigen, so von Hofacker, denn Deutschland befinde sich derzeit durchaus in einer kritischen Situation. Jutta Jandl verabschiedete schließlich ein sehr nachdenkliches Publikum, darunter auch mehrere Schüler des Leistungskurses Geschichte am Marktoberdorfer Gymnasium.

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