Wenn Milch im Gully versickert

Roßhaupten/Schwangau (oss). - Ganz vorn im Stall steht ein halbes Dutzend neugieriger Kälber, die Kühe fressen gerade gemächlich ihr Heu. Doch die Idylle täuscht, nebenan versickert Milch im Gully. 'Unsere Situation war noch nie so dramatisch', sagt Bauer Johann Greis. Der Preis für den Liter Rohmilch hat einen historischen Tiefstand erreicht, Milchbauern kämpfen ums wirtschaftliche Überleben, doch die Milchabnehmer drängen auf noch niedrigere Preise. Deshalb hat der Bauernverband drei Tage lang zum Milchstreik aufgerufen. Über 1000 Liter Rohmilch, Ergebnis des morgendlichen Melkens, rinnen ungenutzt aus dem Milchtank des Roßhauptener Landwirts Johann Greis. Bis zu 90 Prozent der Milchproduzenten im südlichen Ostallgäu beteiligen sich am bayernweiten Streik, um auf ihre dramatische Lage aufmerksam zu machen. Folge der EU-Osterweiterung und Überproduktion - und mangelnder Unterstützung aus der Politik. 'Die Schmerzgrenze ist eigentlich schon unterschritten', beschreibt der Familienvater seine Lage. Vor 27 Jahren fing Johann Greis als Milchbauer an, damals kostete der Liter Rohmilch 65 Pfennige. Inzwischen erhält er für einen Liter nur noch 25 Cent, ab April sogar nur noch 24,5 Cent. 'Das Allgäu ist das Milchland', so Greis, 'und hier trifft es jeden gleich hart, denn hier lebt man von der Milch.' 60 Kühe stehen im Familienbetrieb, doch die Größe spielt keine Rolle, europaweit liegt der Preis auf gleichem Niveau, Folge der EU-Osterweiterung. 'Die Preise sollen auf eine einheitliche Linie gebracht werden', so Greis, bis Ende des Jahres soll der Preis bei 22 Cent liegen.

Nur noch Schulden schreiben Damit wäre das Ende für den Hof von Conny Helmer in Brunnen gekommen. 'Wachsen oder weichen hieß es einmal', so Helmer, 'dann hat man beschlossen, dass die Hofgröße keine Rolle spielen soll, die Kontingentierung wurde eingeführt.' Doch inzwischen wird wieder mehr Milch produziert, die Preise liegen am Boden. Für Helmer ist es wie für viele seiner Schwangauer Kollegen an der Zeit, ans Aufhören zu denken. 'Ich muss noch 20 Jahre arbeiten, aber die letzten Jahre hab ich schon keine Rücklagen mehr bilden können. Wie soll man einen Hof übergeben, in den die Kinder erst mal investieren müssen? Und dann doch nur Schulden schreiben.' Helmer und Greis haben in den vergangenen 20 Jahren miterlebt, wie die Zahl der Bauernhöfe um die Hälfte sank. Und nun liegen die Erzeugerpreise für Milch am Boden, auch dank der 'Preistreiberei' der Discount-Läden, wie die Landwirte schimpfen. Dort kostet ein Liter Vollmilch 55 Cent, mehr als die Hälfte geht davon an Milchfahrer, Käserei, Veredelung und Vertrieb. 'Aber wir sind auch Konsumenten', so Greis. 'Wir können nicht nur von Milch leben und müssen einkaufen.' Dazu noch Personalkosten, Diesel, Gerätschaften, Pacht und Zinsen, was über den Milchpreis gedeckt werden muss. Doch inzwischen liegt der Gestehungspreis weit über dem Verkaufspreis. Die Alternative hieße für Greis, Milchquote abzugeben. Die Stalltüre zusperren, daran will er noch nicht denken. Doch kann sein Sohn noch davon leben? Diese Frage hat Helmer für sich beantwortet. 'Früher hieß es immer, die Bauern jammern so viel. Ich hör sie nicht mehr jammern. Viele haben inzwischen aufgehört. Ich fühl mich auch übrig.' Damit meint er die Unterstützung aus der Lokalpolitik. Vom Dorf sei nicht viel Hilfe zu erwarten. 'Die wünschen der Versammlung einen guten Verlauf. Und ansonsten gibt's Auflagen, die Tiere sollen keinen Dreck und keinen Lärm machen. Einen Landschaftspfleger wollen sie aber schon haben, am besten kostenlos.' Doch die Auswirkungen für die Region, darüber macht sich kaum einer Gedanken, wie Greis andeute. 'Es gibt ein Sprichwort in der Schweiz', so Helmer, 'Erst geht die letzte Kuh, dann der letzte Gast.' Welche Aussichten bleiben da dann fürs Allgäu. Wann die letzte Kuh aus Johann Greis' Stall gehen wird, steht noch in den Sternen. Letztlich hängt alles davon ab, was der Streik den Landwirten einbringt. Allgäu Rundschau

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