Neujahrsschreien
Wenn Kinder lauthals ein «gutes Neues» wünschen

«Wir wünschen Euch ein gutes neues Jahr» rufen die 15 Kinder von Wimberg, Häusern und Kaufmanns lautstark, wenn sie am Vormittag des Silvestertages in den drei Weilern wieder von Tür zu Tür gehen. Ein Brauch, der sich im Ostallgäu nur noch an wenigen Orten gehalten hat, lebt in den Walder Ortsteilen noch fort. Immer zum Jahresende treffen sich die Erst- bis Achtklässler in dem Haus, in dem der Älteste wohnt, und ziehen - obs stürmt oder schneit - von Haus zu Haus. Die Ältesten haben dafür einen Vers verfasst, der jährlich erneuert wird. Diese Aufgabe mag früher eine Herausforderung gewesen sein. Heutzutage hilft auch in diesem Fall das Internet weiter, wie Anja Epple aus Kaufmanns verrät, die die Gruppe heuer gemeinsam mit Michaela Krumm aus Wimberg anführt. Zur Belohnung gibt es für jeden einen Obolus, der für gewöhnlich zwischen 50 Cent und einem Euro liegt, und natürlich auch ein paar Süßigkeiten.

In seinem Buch «Ostallgäuer Mundart» beschreibt der Marktoberdorfer Heimatforscher Anton Herz diesen Brauch, der nur noch selten gepflegt wird. «In Markt Oberdorf», so schreibt Herz, «rückte man nach 12 Uhr mittags nichts mehr heraus; man rief hinaus: «SKraut isch scho gesse». Denn traditionell musste das Neujahrsschreien offensichtlich streng bis mittags abgeschlossen sein.

Herz bringt neben dem Wunsch eines guten neuen Jahres für die Nachbarn einen weiteren Aspekt ins Neujahrsschreien ein: Es sollte ursprünglich wohl die bösen Geister vertreiben, die sich in den Raunächten in Haus und Hof eingenistet hatten.

Davon wissen aber selbst ältere Leute in Kaufmanns, die als Kinder ebenfalls schon zum Neujahrsschreien loszogen, nichts mehr. Wie zum Beispiel Centa Birk, Richard Bayrhof, Fritz Epple oder Josef Rapp. Als Kind habe man sich halt gefreut über ein kleines Taschengeld, eine Mandarine oder Orange. Im Vordergrund stand jedoch der Neujahrs-Glückwunsch für die Nachbarn.

«So treten wir ins neue Jahr, getrosten Mutes, ein»

Und das ist bis heute so geblieben. Anja Epple ist zum achten Mal dabei und sie findet das Neujahrsschreien toll: «Man kommt mit den anderen Kindern zusammen, es ist lustig und man bekommt sogar noch ein bisschen Geld». Und sie weiß, dass heuer auch in Kosterhof, in Geigers, Hofen, Wies und Herings - also auch in anderen zu Wald gehörigen Weilern - wieder Kinder zum Neujahrsschreien aufbrechen werden.

Und wenn sie - wie in Kaufmanns - ihren Spruch mit dem Vers «So treten wir ins neue Jahr, getrosten Mutes, ein - Und was im alten noch nicht war, erfülle sich im neuen» beendet haben werden, dann haben sie den Nachbarn nicht nur gute Wünsche, sondern auch viel Freude gebracht.

Gepflegt wird der Brauch auch noch in Pfronten oder Eisenberg. Über die Ursprünge, so der dortige Heimatforscher Bertold Pölcher, sei allerdings nichts überliefert. Und von Ort zu Ort seien die Gepflogenheiten verschieden.

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