Weg spannender als das Ziel

Von Veronika Krull Bad Hindelang Er kommt gerade aus Köln, am Abend geht es weiter nach Innsbruck. Dazwischen schaufelt er sich Platz frei für ein Interview. Christoph Finkel aus Bad Hindelang ist ein viel beschäftigter Mann. Kein Wunder, denn seit einer Woche ist der 32-Jährige Bundestrainer der Kletterer (wir berichteten). Allerdings ist dem äußerst erfolgreichen Wettkämpfer, der unter anderem 1993 den Weltcup im Sportklettern gewann, der Job nicht ganz fremd: Seit 2001 betreut Finkel bereits den Nationalkader im Bouldern (siehe Wortweiser). Vom Wettkämpfer zum Trainer eine klassische Sportler-Karriere. Wenn es da nicht noch den anderen Christoph Finkel geben würde: den mehrfach preisgekrönten Bildhauer. Kunst und Sport wie passt das zusammen? Der Oberallgäuer mit dem ausgeprägten Fingerspitzengefühl lächelt: Eigentlich gelte ihm in beiden Disziplinen eher der Weg als Ziel. Die Bewegungen vorstellen Beim Bouldern, erläutert der Bundestrainer, muss sich der Athlet vor dem Start die Bewegungen vorstellen und die Kraftanstrengungen berechnen können. Bei der Bildhauerei, sieht der Künstler für sich die Parallelen, ist das Werk in seinen groben Umrissen anfangs ebenfalls nur in seinem Kopf, der Weg dahin, der selten frei von Überraschungen ist, muss genauso erarbeitet werden. Das eigene Entdecken stehe hier wie da im Vordergrund. Christoph Finkel ist von Kindesbeinen an mit beiden Welten in Berührung gekommen.

Hinter dem Elternhaus in Bad Oberdorf stand der Dorflift, und kaum, dass der Bub das Laufen gelernt hatte, war er mit der älteren Schwester Karin einer der eifrigsten Benutzer. Die Sommer verbrachte er jahrelang als Hütebub auf der Stierbach-Alp gegenüber dem Luitpoldhaus, lernte dort Trittsicherheit und Eigenverantwortung zu übernehmen. Wenn es ihn selten genug mal nicht nach draußen zog, hockte sich der Sohn eines Wagnermeisters in Vaters Werkstatt und schnitzte munter vor sich hin: eine Armbrust oder einen Vogelkäfig. Die Schulzeit empfand der sportliche Künstler ehe als notwendiges Übel: Das hat nicht gut funktioniert. So verließ er nach der elften Klasse das Gymnasium Sonthofen und wechselte bald darauf auf die Holzschnitzerschule nach Elbigenalp (Tirol), die den kreativen jungen Mann aber mit bloßer Rosettenschnitzerei im ersten Schuljahr ziemlich enttäuschte. Für Weltcup qualifiziert Mehr Erfüllung fand er da in der Kletterei: So mit 19, erinnert sich Finkel, nahm er an seinem ersten Wettkampf teil: dem Franken-Cup in Nürnberg. Der Neueinsteiger kletterte konzentriert wie gewohnt, gewann und qualifizierte sich so mal eben für den Weltcup, bei dem er bis ins Finale vorstieß und einen unglaublichen siebten Platz belegte. Die Kletterkarriere schien klar vorgezeichnet, als er im gleichen Jahr am Tiroler Schleierwasserfall abstürzte. Zwei gebrochene Wirbel verurteilten den jungen Mann zur Ruhe und zum Nachdenken. Die Zukunft als Sportler war zwar nicht in Frage gestellt, doch er sah über seine aktiven Jahre hinaus und entschied sich für ein Studium an der Kunstakademie in Nürnberg einer Stadt mit dem unschätzbaren Vorteil, nah der Fränkischen Schweiz gelegen zu sein Heute ist der Bad Hindelanger froh, beide Welten unter einen Hut gebracht zu haben, deren Gegensätzlichkeiten er aber auch nicht missen möchte: So empfindet er nach Training oder Wettkampfstress die Ruhe in seiner Werkstatt als regelrecht befreiend. Die beiden Bereiche, so Finkel, bieten ihm einen wechselseitigen Ausgleich, die jeweilige Wichtigkeit werde relativiert und das schützt vor Tiefschlägen.

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