Geschichte
Vor 75 Jahren wurde der Burgstall in Romatsried erforscht

Im Frühmittelalter waren für fast 60 Jahre weder Könige noch Bauern vor den Einfällen ungarischer Steppenreiter sicher. Denn zur Zeit der karolingischen Herrschaft fielen die Magyaren zwischen 899 bis 955 in Westeuropa ein, bis sie in der Schlacht auf dem Lechfeld von Otto dem Großen geschlagen wurden.

Doch zuvor hatte bereits König Heinrich I. auf dem Wormser Reichstag eine Burgenordnung erlassen: Neben neuen großen Anlagen wurden auch kleinere, ältere ausgebaut. Eine davon ist mutmaßlich der Burgstall oberhalb von Romatsried.

Das haben die Ausgrabungen vor 75 Jahren ergeben, als eine Gruppe von Archäologen unter der Leitung von Ludwig Ohlenroth, der bereits in Kempten den Tempelbezirk erforscht hatte, in den Ortsteil von Eggenthal kam. Sie fand einen Geländevorsprung nordöstlich von Romatsried, welcher «aus einem Tertiärsockel mit einer starken Decke alteiszeitlicher Nagelfluh besteht», schrieb 1940 der Archäologe Dr. Barthel Eberl. An drei Seiten steht der Vorsprung frei und wird im Osten «durch ein kleines Seitentälchen aus der Talwand herausgeschnitten», so Eberl weiter. Auf diesem Vorsprung fanden Ohlenroth und seine Helfer ein Plateau, auf dem sie die Fluchtburg vermuteten.

Aus den baulichen Fragmenten und anderen Funden rekonstruierte der Grabungsleiter, dass die Anlage von Holzpalisaden und einem dahinter liegenden, schwachen Erdwall umgeben war. Unterhalb des Walls sei eine weitere niedrige Mauer mit Wehrgraben aufgeschüttet gewesen.

Der Zugang erfolgte über einen Halsgraben im Taleinschnitt, «dessen Aushub als mächtiger Wall auf der Innenseite aufgeschüttet wurde», berichtet Ohlenroth. Rund 100 mal 90 Meter umfasste der Wehrbereich. Darin seien eine ungewisse Anzahl von Block- und Pfostenhäusern sowie vier gemauerte Gebäude und im Zentrum eine Kirche gefunden worden - daneben kamen Waffen, Zaumzeug, Schmuck und Keramiken aus der karolingischen Ära zum Vorschein.

Obendrein entdeckten die Archäologen auch Scherben und Schmuck aus der älteren Hügelgräberkultur, also vom Beginn der mittleren Bronzezeit zwischen 1600 und 1400 vor Christus. Das lasse darauf schließen, dass dort schon früher ein Schutzort war.

«Die Entstehung der Siedlung müssen wir als Fluchtort einer größeren Gemeinschaft in der Zeit der Ungarneinfälle im 10. Jahrhundert annehmen», schließt Ohlenroth. Doch sei ihr Ende vor der Gründung des Klosters Irsee 1182 zu vermuten. Darauf wiesen datierbare Funde hin - deren jüngster war ein Denar aus der Regierungszeit Heinrich I. von England (1110 bis 1135).

Danach sei der Befund klar: «Die Siedlung ist im Kampf und durch Brand zugrunde gegangen.» Ob allerdings die Ungarn dafür verantwortlich waren, blieb unbekannt.

Inzwischen ist vieles auf dem Plateau zugewachsen. «Das Gelände wird auch Burgberg genannt, jetzt landwirtschaftlich genutzt und es ist auch nichts anderes geplant», erläutert Bürgermeister Harald Polzer. Und in den vergangenen Jahrzehnten habe es dort auch keine Grabungen mehr gegeben, ergänzt Gemeinderat Alfred Schleifer. Das bestätigt Richard Nemec: Nach der Erforschung 1936 seien keine weiteren offiziellen Arbeiten dort erfolgt, so der Sprecher des Landesamtes für Denkmalpflege.

Mithin bleibt es beim Resümee des Archäologen Eberl über die Romatsrieder Trutzburg: «Bei der Einzigartigkeit des Objektes ist von besonderer Bedeutung, dass keinerlei spätere Entstellungen vorhanden sind, die das Bild trüben würden.»

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