Kaufbeuren
Von der Last des ewigen Lebens

Er ist 162 Jahre alt, aber er hat genügend Geld, um sich regelmäßig ein gentechnisch produziertes Medikament leisten zu können, das seinen Alterungsprozess stoppt und ihn unsterblich macht. Doch spätestens als die junge Journalistin Julie Forster in das Leben von Gary Goodman tritt, wird der Hauptfigur des neuen Romans «Schildkröte und Eintagsfliege» von Martin Thum klar, dass Reichtum und Unsterblichkeit noch lange nicht die Garantie für das Paradies auf Erden sind.

«Schildkröten» werden die Superreichen genannt, die sich Ende des 22. Jahrhunderts in kleinen, hermetisch abgeschlossenen Kolonien in der ganzen Welt zusammengefunden haben. Dort werden sie von einem Heer von vor allem medizinischen Mitarbeitern betreut, die insbesondere dafür sorgen, dass jeder alle paar Tage seinen individuellen gentechnischen «Cocktail» bekommt, der alle Alters- und Krankheitserscheinungen unterdrückt.

Die junge Reporterin Forster bekommt mit ihrem Team die Genehmigung, auf einer Insel der «Schildkröten» bei Neuseeland zu recherchieren. Im Zuge ihrer Interviews, vor allem aber durch die sich rasant entwickelnde Liebesbeziehung mit der «Oberschildkröte» Goodman bekommt sie tiefe Einblicke in die Welt der Unsterblichen.

Die jede Aktivität lähmende Aussicht, dafür noch unzählige Jahre vor sich zu haben, gigantische Mengen an Lebenserfahrung und die Angst vor Verletzungen oder Unglücken bereitet vielen «Schildkröten» trotz ihres äußerlich sorgenfreien Lebens psychische Probleme. Diese mentale Last der Unsterblichkeit ist auch der Grund dafür, dass die «Schildkröten» trotz intensiver Forschungsarbeit keinen Nachwuchs zeugen können.

Fingierter Selbstmord

Die Liebe Goodmans zur quirligen «Eintagsfliege» Forster offenbart ihm die Unzulänglichkeiten seines bisherigen langen Lebens und lässt ihn beschließen, mittels eines fingierten Selbstmordes aus der streng überwachten «Schildkröten»-Kolonie zu flüchten. Die junge Frau beflügelt den 162-Jährigen aber auch anderweitig: Nach ihrem Aufenthalt auf der Insel ist Forster von Goodman schwanger - eine Sensation.

Die Aussicht auf das allererste «Schildkröten»-Kind ruft aber sogleich allerlei Machtinteressen und dunkle Gestalten auf den Plan. Intrigante «Schildkröten» anderer Kolonien, die australische Regierung und ein japanischer Gentechnik-Magnat wollen Forster mit Hilfe von Söldnertruppen und Kriegsschiffen retten, entführen oder töten. Forster kann sich auf abenteuerliche Weise in Sicherheit bringen und eine neue Identität annehmen. Im Kampf wird allerdings die Kolonie samt dem weltweit einzigen Produktionslabor für den «Cocktail» zerstört und das Schicksal der Unsterblichen ist besiegelt.

Thum hat einen spannenden und vor allem tiefsinnigen Roman geschrieben - auch wenn man durch die äußere grafische Gestaltung zunächst auf ein Kinderbuch schließen könnte. Seine stärksten Momente hat das Buch dort, wo er mit wissenschaftlich-philosophischer Brillanz, aber dennoch verständlich seine Hauptfiguren die sozialen, psychologischen und auch evolutorischen Folgen der Unsterblichkeit erkennen lässt.

Etwas arg klischeebeladen und dick aufgetragen ist dagegen die Rahmenhandlung - egal, ob es um dramatische Liebesschwüre, gewissenlose Journalisten, machtgeile Politiker oder um den kultivierten Selbstmord in höchsten japanischen Wirtschaftskreisen geht. Da wäre weniger manchmal mehr gewesen, ohne dass die Handlung an Spannung eingebüßt hätte.

In jedem Fall sind die gut 280 Seiten aber ein ungewöhnlicher und aufrüttelnder Beitrag zur Diskussion um die Möglichkeiten und Grenzen der Medizin und ein Appell, sich produktiv mit den ganz grundlegenden Fragen vom Sinn des Lebens und des Sterbens auseinanderzusetzen. Martin Frei

Martin Thum: Schildkröte und Eintagsfliege. Books on Demand. Norderstedt 2009.

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