Von den Massai aus Tansania nach Lauben

Tansania/Lauben (aj). - Stefan Scheuerl erzählt gern über seine Zeit als Missionar. Immer wieder spricht er dann von 'seinen' Massai. Wie von seiner Familie. Und so fühlt er sich auch mit ihnen verbunden: Mit den stolzen, hoch aufgewachsenen Rinderhirten, die als speerbewaffnete Krieger in der tansanischen Gesellschaft zwar respektiert, aber gleichzeitig als stinkende 'Massai-Tiere' verachtet werden. Stefan Scheuerl war ihr Anwalt, ihre Stimme, ihr Seelsorger und Pfarrer. Sieben Jahre lang hat der gebürtige Wangener im Auftrag des bayerischen Missionswerks mit seiner Familie als Massai-Missionar im Nordosten Tansanias gearbeitet. Am kommenden Montag tritt er jetzt seinen Dienst als Pfarrer in Lauben an. In Tansania ist er manchmal wochenlang von Kral zu Kral, den Dörfern der Massai, gezogen, hat gepredigt, getauft, sich die Sorgen und Nöte der Menschen angehört. In einem Gebiet, in dem rund 50000 Menschen leben. Dabei hat er bewusst auf westliche Bequemlichkeit verzichtet und in den ärmlichen Hütten inmitten von Flöhen, Zecken und Kakerlaken geschlafen. 'Als Missionar muss ich einer von ihnen werden', sagt der Pfarrer. Zu trinken gab es gesüßten Baumrindentee. Oder Sauermilch, das Lieblingsgetränk der Massai. Auch daran musste sich der 39-Jährige gewöhnen - und Lehrgeld bezahlen. 'Einmal habe ich unabgekochte Milch getrunken, die nicht keimfrei war', erzählt er. An den Brechdurchfällen wäre er fast gestorben.

Frau als Ärztin gefragt Während ihr Mann im ganzen Land unterwegs war, blieb Katrin Scheuerl mit den vier Kindern und einem Nachtwächter allein im Haus. Als Ärztin war sie immer gefragt. Täglich warteten Patienten geduldig an der Pfarrhaustür, weil sie hier schnell und ohne viel Aufheben versorgt wurden. Daneben leitete die junge Ärztin die Frauen der Massai in Geburtshilfe, Hygiene und Gesundheitsvorsorge an. Massaifrauen werden als Mütter hoch geehrt und müssen doch körperlich schwerer arbeiten als ihre Männer. Nach deutschen Maßstäben, meint Stefan Scheuerl, werden sie unterdrückt. Doch kaum eine von ihnen würde dies so ausdrücken. Die Männer umgeben das Dorf mit einem Dornwall und sind als Hirten vollauf beschäftigt. Wie wohlhabend ein Massai ist, zeigt sich an der Zahl seiner Frauen und Rinder. Je mehr Vieh er besitzt, desto mehr Frauen kann er ernähren - und damit heiraten. Acht Rinder muss der Bräutigam derzeit als Brautpreis bezahlen. Obwohl bereits Ende des 19. Jahrhunderts Missionare ins Land kamen, hatte es 60 Jahre gedauert, bis sich die ersten Massai taufen ließen. Damals durfte ein getaufter Massai nur seine erste Frau behalten und musste sämtliche anderen nach Hause schicken. Mit dieser rigorosen Praxis gerieten viele Frauen ins wirtschaftliche Abseits. Deshalb hat die lutherische Kirche in Tansania Anfang der 80er Jahre einen Kompromiss beschlossen: Nach der Taufe darf nicht mehr geheiratet werden. Die Hinwendung zum Christentum hängt nach Stefan Scheuerls Meinung auch mit der Einrichtung von Schulen zusammen. 'Nur gebildete Massai können die Stimme erheben für ihr Volk', sagt er. Wenn sie sich aber nicht verändern, gehen sie unter, ist Scheuerl überzeugt. 'Dann bleiben allenfalls ein paar nette 'Massai-Tiere' für Safari-Touristen'. Jetzt hat für Familie Scheuerl ein neuer Lebensabschnitt begonnen, wenn am Montag Scheuerl seine Pfarrstelle in Lauben übernimmt. Doch seine Zeit bei den Massai wird ihn auch dort nicht loslassen. Zu tief ist er eingetaucht in ihr Leben, ist er als Fremder einer von ihnen geworden. 'Als Missionar muss man sich ganz stark auf die Kultur einlassen, muss in Familien gelebt und abends stundenlang am Feuer gesessen haben', meint er. Denn für ihn ist ein Missionar ein Lernender vom ersten bis zum letzten Tag.

Das könnte Sie auch interessieren

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen
Powered by Gogol Publishing 2002-2018