Vom Club zum Jugendhaus

Von Horst Scholl, Kaufbeuren - Konzerte, Vorträge und Ausstellungen finden heute im ehrwürdigen Kaufbeurer Stadtsaal statt. Doch der einzige städtische Saal dieser Art wurde auch schon anders genutzt. Gleich nach dem Einmarsch der Amerikaner im April 1945 wurde er von der Besatzungsmacht beschlagnahmt und später als Jugendhaus - offiziell GYA (German Youth Activities) genannt - verwaltet. Zu den Zeitzeugen gehören der ehemalige Hauptschullehrer Edgar Gailhofer, der bei Kriegsende 16 Jahre alt war, und Kurt Kolmer, Jahrgang 1921.

Keine 'Froileins' Kolmer arbeitete von 1948 bis 1953 im GYA als Angestellter der US Army. Gailhofer befand sich beim Einmarsch der Amerikaner in Kaufbeuren in einem Wehrertüchtigungslager auf der Alpe Eck nahe Bolsterlang. Als er Tage nach der Entlassung in Kaufbeuren ankam, war seine Heimatstadt besetzt und wurde von der US-Militärregierung verwaltet. Der Stadtsaal war beschlagnahmt. Der in Herne/Westfalen geborene Kolmer war während des Krieges im Fliegerhorst als Flugschüler stationiert. Gegen Kriegsende fiel er dem 'Heldenklau' zum Opfer und musste an die Ostfront. Der sowjetischen Kriegsgefangenschaft konnte er sich durch Flucht entziehen. Er schlug sich nach Kaufbeuren durch. Das war Mitte Juli 1945. Zu der Zeit habe der Stadtsaal bereits als Club für die GI's gedient, erinnert er sich. Die militärische Führung vor Ort hatte zwar einen Club mit Live-Band im Fliegerhorst eingerichtet. Aber dort waren die deutschen 'Froileins' nicht zugelassen, was den jungen Besatzungssoldaten gar nicht behagte. Anfang 1948 schließlich wurde der Club im Stadtsaal aufgelöst. Die Amerikaner nutzten das Gebäude fortan im Rahmen ihrer 'Reeducation' (Umerziehung) als Jugendhaus. Kolmer erfuhr davon, bewarb sich und trat im August 1948 seinen Dienst als Leiter der Lesestube im Stadtsaal an. Noch heute denkt Gailhofer gern 'an die Zeit im GYA zurück'. 'Es war nach dem Krieg der einzige Ort, an dem man sich treffen konnte', sagt er. 'Mir ging es vor allem darum, Englisch zu lernen.' Gut 2000 amerikanische Schallplatten standen den Jugendlichen zur Verfügung. Und man wurde zur Ausübung von Sport angeleitet. Der heute 74-Jährige erinnert sich an einen athletischen Afroamerikaner, 'King' genannt. Durch diesen fand er Zugang zur Leichtathletik, die er bis nach seinem Abitur mit Begeisterung ausübte. Beliebt bei den Jugendlichen war seinerzeit Softball - ein Ballspiel mit den Regeln des Baseballs. Es gab eine Softball-Mannschaft, die auch zu Auswärtsspielen an amerikanischen Standorten antrat. Als Transportmittel stellten die Amerikaner ihre Trucks (Armee-Lastwagen) kostenlos zur Verfügung. Die Lesestube war gut bestückt mit englischsprachigen Comics, Büchern und Illustrierten. Gailhofer weiß noch gut, dass er während des Schulunterrichts einmal heimlich ein US-Magazin gelesen hatte. Sein Lehrer erwischte ihn und verpasste ihm zwei Stunden Arrest. 'Ins GYA sind alle gern gegangen', sagt er.

Der beliebte Sergeant Johnny Das mit der 'Reeducation' wurde in der Praxis nicht so ernst genommen, meint Kolmer. Die Sergeants des 'Kaufbeuren Detachement' seien durchweg nette Kerle gewesen, mit denen man gut und freundschaftlich zusammenarbeiten konnte. Der Liebling aller war 'Sergeant Johnny'. Er sprach gut deutsch und half, wo immer er konnte. Das Freizeitangebot sei 'enorm' gewesen, weiß Kolmer. Im großen Saal waren mehrere Ping-Pong-Tische aufgebaut. Es gab ein Foto-Labor und eine Nähstube, die Frau Mast, Ehefrau eines Kaufbeurer Arztes, führte. Sie nähte auch die Kostüme für das Kasperl-Theater des GYA. Richtig leuchtende Augen bekommt Kolmer, wenn er davon spricht, dass 'wirklich alle möglichen Musikinstrumente' vorhanden waren, die die GYA-Band für ihre Proben und Auftritte benötigte. Es gab eine erfolgreiche Schachgruppe, einen Billard-Tisch in der Lesestube, Bingo-Veranstaltungen, eine Kunstradfahrgruppe, Malwettbewerbe, einmal pro Woche eine Filmvorführung sowie Faschingsveranstaltungen mit Prämierung der originellsten Kostüme. 'Grandios', so Kolmer, war das Angebot der Amerikaner, die Jugendlichen kostenlos auf Trucks oder Militärbussen zu Zeltlagern oder zum Skifahren zu transportieren. Und bezüglich der Akzeptanz des GYA sagt er rückblickend: 'Über 3000 Mitgliedskarten wurden an Jugendliche ausgegeben, die alle namentlich erfasst waren.'

'Drops' auf dem Schwarzmarkt Gern denkt er beispielsweise an die von den Amerikanern ausgerichtete Weihnachtsfeier des Jahres 1948 zurück. Schon Wochen zuvor hatten die GI's für die notleidenden deutschen Kinder Süßigkeiten gesammelt. So waren beispielsweise 30 000 Rollen 'Drops' zusammen gekommen, von denen die meisten auf die Weihnachtstüten der Kinder verteilt wurden. Eine gewisse Einschränkung erfuhr die Freude über die Aktion dadurch, dass viele der Drops im Januar 1949 in Kaufbeuren zu Schwarzmarktpreisen gehandelt wurden. Das Ende des GYA kam Ende Juni 1953. Schon zuvor hatte die Stadtverwaltung immer wieder die Rückgabe des Stadtsaals gefordert. Anlässlich der ersten Gewerbesausstellung nach dem Krieg ging das Gebäude in deutsche Hände. Die Stadt Kaufbeuren war damals nicht bereit, das Freizeitgerät im Wert von 80000 Mark zu übernehmen, das die Amerikaner ihr kostenlos überlassen wollten. Die Stadt Sonthofen sei damals schlauer gewesen, meint Kolmer. Die habe damit ihr Jugendhaus in der ebenfalls amerikanisch besetzten Stadt ausgestattet. US-Colonel Hayes, damals Kommandeur der 55. Jagdflieger-Gruppe (55th Fighter Group), übergibt Franz Büchner den Schlüssel für den Stadtsaal. Büchner war in der Nachkriegszeit wegen seiner englischen Sprachkenntnisse die rechte Hand des von den Amerikanern eingesetzten Oberbürgermeisters Dr. Georg Volkhardt und später lange Jahre Standesbeamter der Stadt. Vor etwa einem Jahr ist Büchner gestorben. Foto: Archiv Büchner

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