Visionen zu einem Schlagwort

Buchloe (job). - Dank moderner elektronischer Kommunikation ist die Erde zum globalen Dorf geworden. Auf wirtschaftlichem Gebiet wird meist das Schlagwort 'Globalisierung' gebraucht. Wirtschaftsjournalist Dr. Wolfgang Kessler, Chefredakteur von 'Publik Forum', einer 'Zeitschrift kritischer Christen', leistete im Buchloer Haus der Begegnung nun Aufklärungsarbeit mit Blick auf die Etablierung eines gerechteren Welthandels. Eingeladen hatten der Arbeitskreis Mission - Entwicklung - Frieden der Pfarreiengemeinschaften Buchloe und Jengen, der Weltladen, die Buchloer Pfarreien, die Katholische Landvolkbewegung und die Volkshochschule. Nach seinem wirtschaftswissenschaftlichen Studium arbeitete Kessler kurz beim Internationalen Währungsfond mit, verließ die Organisation jedoch, wie er erklärte, aus Protest gegen deren Schuldenpolitik. Seit Anfang der 90er ist er Redakteur bei 'Publik Forum'. Globalisierung bringe zwar 'dramatische Risiken für alle Lebensbereiche' mit sich, sie biete aber auch 'Visionen für ein besseres Leben auf der ganzen Welt', so Kessler. Er zeigte zunächst Risiken auf: Die Welt werde zu einem einzigen Produktionsstandort. Dies verschärfe die weltweite Konkurrenz. Außerdem gefährde die Globalisierung die Demokratie, da Menschen und Betriebe vor Ort an Einfluss verlören. 'Es ist egal, wer unter Schrempp Bundeskanzler ist.' Nicht zu verachten sei die Klimakatastrophe als Folge der energieintensiven Wachstumswirtschaft. Eine weltweite Pkw-Dichte wie in Deutschland würde innerhalb weniger Minuten einen globalen Kollaps bedeuten. Die Kluft zwischen Arm und Reich werde immer größer. 1,3 Milliarden Menschen in absoluter Armut stünden die 225 reichsten Menschen gegenüber, denen 47 Prozent des Kapitals gehörten. Außerdem sei Armut ein Nährboden für Terrorismus.

Spekulation am ungezügelten Weltgeldmarkt könnten größere Wirtschaftskrisen erzeugen - wie 1997 in Indonesien. Auch drohe ein Kampf der Kulturen, überwiegend von jenen angezettelt, die sich als Verlierer der Globalisierung sehen. Letztere biete aber auch Chancen, betonte der Referent. So profitiere die am Export orientierte deutsche Wirtschaft davon. Länder wie Indien, China oder Thailand hätten durch die Globalisierung ihren Lebensstandard verbessern können. Die Zahl der Armen sei zudem langsamer gestiegen als die Weltbevölkerung, habe also 'relativ abgenommen'. Neue Technologien könnten bei der Lösung globaler Probleme helfen. So hätten sich inzwischen mehrere Tausend Menschen in Sri Lanka mit Weltbank-Krediten Solar-Anlagen auf ihre Häuser gebaut. Außerdem breche die Informationstechnologie politisch abgeschottete Gesellschaften in Diktaturen auf. 'In zehn Jahren wird es nur ein Korea geben, dann können sich die Koreaner bei uns über die Fehler erkundigen, die wir bei der Vereinigung gemacht haben', so Kessler. Ein letztes positives Argument: Enge wirtschaftliche Entwicklungen sorgten für Frieden, weil alle durch Krieg zu viel zu verlieren haben. Der Versuch einer Zusammenfassung lautete: 'Der Globalisierung der Wirtschaft muss die Globalisierung der Politik folgen.' Die Politik müsse weiter verfolgen, was sie in 150 Jahren in Europa und Nordamerika auf nationaler Ebene getan habe: Die wirtschaftliche Entwicklung in demokratische, soziale und ökologische Rahmenbedingungen einbetten. Vorschläge Kesslers betrafen die Verbreiterung der Basis in der gesetzlichen Renten- und Krankenversicherung (wie in der Schweiz oder Österreich) sowie das Schaffen von sozialen, ökologischen und technologischen Standards, die einen fairen Handel fördern. Außerdem plädierte er für Steuern auf Vermögen und Spekulationsgewinne. Bei Besteuerungen von maximal einem Prozent würde genug abfallen, um die Grundbedürfnisse der ärmsten Länder zu befriedigen. Wie sollen diese Ideen umgesetzt werden? Hier appellierte der Journalist an die Menschen, selbst aktiv zu werden. Er ermutigte die Verbraucher, die lokale Wirtschaft zu stärken und die Weltwirtschaft zu beeinflussen. Eine Stärkung der Entwicklungsländer müsse schließlich auch im Interesse 'echter Kapitalisten' liegen - nur wenn diese Länder reich werden, könne man ihnen noch mehr verkaufen. Zahlreiche Fragen und eine lebhafte Diskussion, in der es unter anderem um das Für und Wider konventioneller und ökologischer Landwirtschaft ging, beendeten den Abend.

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