Irsee
Viel Geld für Therapien auf der Couch

Ein harsches Ungleichgewicht in der psychiatrischen Versorgung der Menschen in Bayern sah Dr. Heiner Melchinger (Medizinische Hochschule Hannover) bei einem gesundheitspolitischen Kongress in Irsee. 75 Prozent der Kosten für Psychiatrie werden für Psychotherapien verwendet - das sind aber nur 25 Prozent der Fallzahlen. Für die restlichen 75 Prozent der Fälle werden hingegen nur 25 Prozent der Mittel aufgewendet. Sie machen aber die nervenärztliche Grundversorgung der Bevölkerung aus. Überspitzt formuliert bedeutet das Ganze: Dafür, dass sich im Verhältnis relativ gesunde Patienten auf die Couch legen, wird eine Menge Geld gebraucht. Und für die vielen schwerwiegenderen psychiatrischen Erkrankungen wie Schizophrenien oder manische Depressionen, die auch gar nicht auf «auf der Couch» behandelt werden können, werden viel weniger Mittel in Anspruch genommen. Dieses Ungleichgewicht kritisierte Melchinger bei dem Kongress des Verbandes der bayerischen Bezirke, der unter dem Titel «Der Verteilungskampf hat begonnen» firmierte. Manche der rund 80 Teilnehmer des Symposiums hielten dagegen: Psychotherapie sei schließlich «nicht nur nettes Geplauder». Professor Manfred Wolfersdorf (Bezirkskrankenhaus Bayreuth) verwies auf die unterschiedliche historische Entwicklung von Psychiatrie und Psychotherapie. So werde Psychotherapie und Psychosomatik oft in der Bevölkerung positiv wahrgenommen, die Psychiatrie hingen als «schlecht». Von diesem Gegensatz müsse man aber wegkommen, weil nicht wirklich ein Unterschied zwischen beiden Bereichen bestehe.

Interessant sind auch regionale Unterschiede in der Versorgung. So befinden sich 57 Prozent der psychosomatischen Betten Deutschlands allein in Bayern und Baden-Württemberg. «Das liegt daran, weil die Psychosomatik seit 2005 als eigenständige Fachrichtung in den Krankenhausplan des Freistaat Bayerns aufgenommen wurde. In anderen Bundesländern gibt es zum Teil keine eigenständige Überplanung, dort firmiert der Bereich weiter unter der Fachrichtung Psychiatrie, wo er meiner Ansicht nach auch hingehört», so Celia Wenk-Wolff, Referentin für Psychiatrie beim Verband der bayerischen Bezirke.

Weitere Themen bei dem Kongress waren die Gerontopsychiatrie (dabei stellte der Kaufbeurer Gerontopsychiater Dr. Klaus Nißle die Blaue Blume, eine offene Einrichtung für ältere Menschen mit psychischen Problemen in Kaufbeuren vor) sowie therapeutische Wohngemeinschaften. Professor Margot Albus (München) betonte, dass immer mehr Patienten in so genannte therapeutische Wohngemeinschaften entlassen werden - statt in ein Wohnheim. Das bedeute, dass die Bemühungen, psychisch Kranke vermehrt ambulant zu versorgen, zusehends Früchte trügen. (mab)

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