Vergesst die Hilflosesten nicht

Von Stadtheimatpfleger Anton Brenner, Kaufbeuren - Heute vor 100 Jahren starb Dominikus Ringeisen, dessen große Lebensleistung die Gründung des Behindertenwerks in Ursberg war. 2004 begeht das Dominikus-Ringeisen-Werk, Süddeutschlands größte Einrichtung für Behinderte, sein 120-jähriges Bestehen. Weniger bekannt ist, dass der Impuls zur Gründung dieser Anstalt von Kaufbeuren ausging. 47 Jahre alt war der Benefiziat Dominikus Ringeisen, als er 1882, von Obergünzburg kommend, sein priesterliches Wirken in Kaufbeuren begann. Zu dem stets hilfsbereiten und verständnisvollen Priester kamen aus dem ganzen Allgäu sorgenvolle Eltern mit ihren blinden, taubstummen, verkrüppelten, schwachsinnigen, epileptischen Kindern und baten ihn um Rat und Hilfe. Da es damals nur wenige Anstalten für Behinderte gab und diese überfüllt waren, entschloss sich Ringeisen, für die 'Ärmsten der Armen' selbst eine Anstalt zu schaffen. Da in Kaufbeuren jedoch 1876 die Heil- und Pflegeanstalt für Geisteskranke ihren Betrieb aufgenommen hatte, fand sein Anliegen vor Ort wenig Freunde. Anfang 1884 zeichnete sich jedoch ein anderer Weg ab. Die Oberin des Crescentia-Klosters hatte erfahren, dass die ehemalige Prämonstratenserabtei Ursberg vom bayerischen Staat um billigen Preis verkauft würde. Ringeisen ließ sich von den verwahrlosten Gebäuden nicht schrecken und meldete sich als Käufer. Womit er bezahlen sollte, wusste er allerdings nicht, als er am 23. April 1884 den Kaufvertrag abschloss. Kurz nach seiner Rückkehr kam eines seiner Beichtkinder, Monika Seemüller aus Schlingen, zu ihm und fragte, ob er kein Geld brauche. Sie wolle ein gutes Werk tun und legte den Erlös vom Verkauf des väterlichen Anwesens auf den Tisch. Es waren genau die 20000 Mark, die er an den Staat zu zahlen hatte. Nun brauchte Ringeisen für die Leitung und Wirtschaftsführung 'seiner' Anstalt Schwestern. Er erbat sie sich vom Filialkloster Obergünzburg. Zwei der Schwestern machten sich von Kaufbeuren aus im Juli 1884 vorab auf nach Ursberg, wo sie, unterstützt von freiwilligen Helfern, unter unsäglichen Mühen das alte Kloster instandsetzten. Schon sieben Monate nach Abschluss des Kaufvertrages konnte die Anstalt am 1. Dezember 1884 eröffnet werden. Ringeisen selbst vermochte nur immer wieder mal für kurze Zeit nach Ursberg zu kommen, um nach dem Rechten zu sehen. Ursache dafür war der wieder angelaufene Seligsprechungsprozess von Crescentia Höß. Es war Ringeisen, der die Wiederaufnahme und Fortführung des 1775 eingeleiteten, zwischenzeitlich jedoch völlig zum Erliegen gekommenen Prozesses mit Feuereifer und großem zeitlichen Einsatz betrieb. Und dies neben solch vielfältigen Aufgaben wie der geistlichen Betreuung der Klosterschwestern, dem Religionsunterricht an den höheren Schulen des Klosters oder der Wallfahrtsseelsorge an der Grabkirche der 'gottseligen Mutter Crescentia'. Schon 1884 kam von Rom der Bescheid, dass die nötigen einleitenden Schritte zur Wiederaufnahme getan seien. Ab Mai 1888 konnte sich Ringeisen dann ausschließlich den Aufgaben in Ursberg widmen.

Priester aufgrund eines Gelübdes Dominikus Ringeisen wurde am 6. Dezember 1835 in Unterfinnigen (Kreis Dillingen) als Sohn eines Kleinbauern geboren. Der Vater ermöglichte dem begabten Buben mit 14 Jahren den Besuch des Gymnasiums St. Stephan in Augsburg. Er wollte Arzt werden, doch zwang ihn eine schwere Drüsenerkrankung, drei Jahre auszusetzen. Ringeisen gelobte, im Falle seiner Genesung Priester zu werden. Das Abitur konnte er erst mit 24 Jahren erwerben, die Priesterweihe empfing er nach seinem Studium der Theologie und Philosophie 1864 im heimatlichen Dillingen. In seinem Kaufbeurer Abschiedsbrief schreibt Ringeisen: 'Erhaltet Ihr dann einmal die Kunde, ich sei heimgegangen in die ewige Ruhe, dann vergesst erst recht Ursberg nicht, vergesst die Hilflosesten, die Ärmsten, die Verlassensten, die Kretinen, die Taubstummen nicht.' Dominikus Ringeisen starb am 4. Mai 1904 in Ursberg. Heute trägt dieses große Werk christlicher Nächstenliebe seinen Namen.

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