Memmingen
«Verändert den Blickwinkel»

Die 19-jährige Simone Müller sitzt im Rollstuhl. Sie streckt sich, um etwas aus dem oberen Regal eines Supermarkts zu holen. Doch mit ihrem Arm reicht sie nicht heran. «Alleine könnte ich hier gar nicht einkaufen», meint sie.

Zusammen mit Franziska Dürr (19) und Lisa Strama (20) testet sie, wie man als Gehbehinderter in Memmingen zurechtkommt. Alle drei haben keine Behinderung, sie leisten innerhalb der Erzdiözese Rottenburg-Stuttgart ein Freiwilliges Soziales Jahr. Mit 19 anderen Jugendlichen nehmen sie an einem Seminar in Rot an der Rot teil.

«Durch den ebenerdigen Eingang und den automatischen Türöffner konnte ich leicht in das Geschäft gelangen. Die Gänge im Laden sind allerdings sehr eng.» Simone will zu den Backwaren abbiegen, doch ein Einkaufswagen versperrt ihr den Weg. «Ohne jemanden darum zu bitten, ihn zur Seite zu schieben, würde ich hier nicht durchkommen.» Mit dem Rollstuhl nimmt sie fast den ganzen Gang ein. «Mir wäre es unangenehm, ständig um Hilfe fragen zu müssen», kommentiert sie ihr Erlebnis.

Jetzt ist Lisa dran. Ihr Ziel ist ein Café am Marktplatz. Auf dem Weg fällt ihr der gepflasterte Boden auf. «Auf diesem Belag kommt man viel schwerer voran als auf einem geteerten Gehsteig. Das wird auf die Dauer anstrengend.» Auch Gullideckel und schon niedrige Kanten können Hindernisse sein.

Das Betreten des Cafés gestaltet sich für Lisa schwierig. Der Rollstuhl passt gerade so durch die Tür. An den Tischen findet sie nur Platz, wenn sie sich seitlich daneben stellt. «Auf die Toilette zu gehen, kann ich hier vergessen», schüttelt die junge Frau den Kopf. «Ich komme mit dem Rollstuhl nicht zwischen den anderen Tischen hindurch. Außerdem gibt es kein eigenes Behinderten-WC.»

«Braucht viel Selbstbewusstsein»

«Durch den heutigen Tag kann ich mich viel besser hineinversetzen, wie schwierig der Alltag als Behinderter ist», fasst Lisa zusammen. «Man braucht viel Selbstbewusstsein, um sich durchzukämpfen.» Und Franziska erklärt: «In der ,normalen Welt ist alles auf Menschen eingerichtet, die gehen können. Auf Barrierefreiheit wird da gar nicht geachtet.» Alle drei würden so einen Tag im Rollstuhl weiterempfehlen. «Das verändert den Blickwinkel», haben sie festgestellt.

Schon einiges erreicht

Verena Gotzes, Vorsitzende des Memminger Behindertenbeirats, lobt die Offenheit der 22 Teilnehmer: «Ich finde es schön, wie die Jugendlichen mitarbeiten.» Gegenüber anderen Städten sei Memmingen in Sachen Barrierefreiheit schon weit. «Vor 20 Jahren gab es nur einen behindertengerechten Parkplatz und keine Behindertentoilette.

Mittlerweile konnten viele Anliegen durchgesetzt werden.» Am Weinmarkt gibt es zum Beispiel barrierefreie Bushaltestellen, die Tür zum Rathaus öffnet sich automatisch.

«Dennoch ist die Behindertenarbeit ein harter Kampf und wird es auch weiter sein», betont Verena Gotzes.

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