Tröstende Worte zum Abschied

Von Sylvia Rustler | Memmingen/Kirchdorf 'Besonders schlimm ist es, wenn ein Kind stirbt', sagt Lothar A. Wallenstein. Er erinnert sich noch genau, als er vor einigen Jahren zum ersten Mal zu Eltern gerufen wurde, die um ihren Nachwuchs trauerten. Es war ein Autounfall, kurz vor Weihnachten. Wallenstein soll eine Grabrede halten und zum Abschied die richtigen Worte finden. Er weint mit der Familie, fühlt sich hilflos. 'Die Eltern waren am Boden zerstört. Da brauchte es besondere Sensibilität.'

Mittlerweile arbeitet Wallenstein seit rund 20 Jahren als Trauerredner. Heute weiß er, wie man in so einem Fall mit Hinterbliebenen umgeht. Der 55-jährige Kirchdorfer ist gelernter Elektromeister und hat Ende der 1980er Jahre an einer Hochschule in den USA Theologie studiert. Er wird von Bestattungsunternehmen vermittelt und betreut Familien, denen kein Priester zur Seite steht, da ihr verstorbener Angehöriger konfessionslos war. Wallensteins Arbeit erfordert höchstes Fingerspitzengefühl. 'Zunächst ist es wichtig, zu den Menschen eine Beziehung aufzubauen und zuzuhören', sagt er und fügt hinzu: 'Es finden sehr intime Gespräche statt. Man wird für eine gewisse Zeit ein Teil der Familie.'

Wenn Wallenstein zu den Trauernden kommt, wird ihm manchmal die Lieblingsmusik des Verstorbenen vorgespielt, zum Teil wird er in seinem Haus herum geführt und immer wieder werden ihm Fotos gezeigt. An diesen Eindrücken richtet er dann seine Rede aus. 'Ich halte keine Trauerrede, in der sich der Verstorbene nicht wiedergefunden hätte. Die Rede muss authentisch sein. Auch wenn einer geizig oder ein schwieriger Zeitgenosse war, gehört das in die Rede hinein.' Im Schnitt arbeitet Wallenstein vier Stunden an einer Ansprache. Sterben Kinder, liege der Schwerpunkt auf tröstenden Worten, bei älteren Menschen orientiere er sich vor allem an der Biographie. Den Text verfasst Wallenstein zuhause und schickt ihn den Hinterbliebenen vorher zum Gegenlesen zu.

Bei Bedarf begleitet der 55-Jährige die Angehörigen auch nach der Trauerfeier. Im Allgäu ist das aber die Ausnahme. 'Hier gibt es gewachsene Strukturen, die die Menschen auffangen. In der Großstadt ist das anders.' Wallenstein kommt ursprünglich aus Hessen und hat unter anderem in Wiesbaden gearbeitet.

Wie jemand trauert, ist individuell verschieden. 'Das hängt davon ab, wie derjenige den Tod des Angehörigen bewertet', sagt Wallenstein. Er gebe den Trauernden keinen Rat, sondern höre ihnen 'ganz intensiv' zu und versuche, sie so zu ihrer eigenen Lösung zu bringen. 'Ich mache den Betroffenen klar, dass sie es selbst sind, die sagen müssen, jetzt ist genug getrauert. Und, ganz wichtig, dass abschließen nicht vergessen bedeutet.'

Wann er die Angehörigen wieder in den Alltag entlassen könne, wisse er, 'wenn die Leute wieder über sich selbst lachen können', erzählt Wallenstein. 'Und wenn ich gehe und ich sehe in den Augen Erleichterung, also etwas, das vorher nicht da war, dann nehme ich das auch für mich persönlich mit.'

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