Trauer braucht Zeit und ein Ritual

Marktoberdorf/Ostallgäu (jth). - 'Die Medizin hat ungeheuere Fortschritte gemacht, den Umgang mit Trauer haben viele im Laufe der Zeit aber verlernt.' Wenn der Marktoberdorfer Elmar Schmid diesen Satz bedächtig formuliert, wirkt der lebensfrohe Mann selbst etwas betrübt. Was dem Diakon der Pfarrei St. Magnus nicht in den Kopf gehen will, ist die Tatsache, wie in manchen Krankenhäusern im 21. Jahrhundert mit dem Thema Tot- oder Fehlgeburten umgegangen wird. Kinder, die weniger als 500 Gramm wiegen und somit rein rechtlich nicht bestattungspflichtig sind, werden in manchen Krankenhäusern in Behältern entsorgt, die in der Müllverbrennung landen. So manche Frau, berichtet Schmid, komme jahrelang nicht mit dem Schicksalschlag einer Fehlgeburt psychisch zurecht. Um Frauen bei ihrer Trauer nach einer Fehlgeburt zu helfen, haben sich Schmid sowie ein Dutzend Mitglieder der Pfarrgemeinden St. Magnus, St. Martin und Johannes zur 'Ökumenischen Initiative für fehl- und totgeborene Kinder' zusammengeschlossen. Genau ein Jahr nach Gründung der Initiative blickt Diakon Schmid auf die von ihm und seinen Helfern geleistete Arbeit zurück. Und er ist zufrieden. Zufrieden, dass insgesamt neun Totgeburten bei den vierteljährlich stattfindenen Beerdigungen im Marktoberdorfer Friedhof bestattet und nicht entsorgt wurden. Falls ein Familiengrab schon angelegt war, wurden die Kinder dort beigesetzt. Falls dies nicht der Fall war, kamen sie in kleinen Särgen in ein Grab für fehl- und tot geborene Kinder. 'Vor dem Zweiten Weltkrieg wurden Totgeburten oft zwischen den Gräbern oder den Särgen beigesetzt. Doch diese Tradition ging in der modernen Welt verloren', berichtet Schmid.

Initiative lebt von Spenden Heutzutage ist er froh, wenn eine Frau zu ihm kommt, um ihr totgeborenes Kind beerdigen zu lassen oder wenn sie bei ihm Rat sucht. Die Beerdigungen in Marktoberdorf sind kostenlos, die Initiative finanziert sich ausschließlich über Sach- und Geldspenden. Wie eine Beerdigung ablaufen soll, überlässt der Diakon, der sich mit Geistlichen der beiden anderen Pfarreien das Aufgabengebiet teilt, den Angehörigen. Meist ähneln die Abschiedsfeiern aber jenen, die man kennt. Es gibt einen Trauerzug, eine Rede am Grab und nach der Beerdigung sitzen die Angehörigen zusammen. Oft kommen Eltern noch Wochen nach dem Todesfall zu Schmid, um sich den Rat des Seelsorgers zu holen. Eine Fehlgeburt möglichst zu vergessen, ja zu verdrängen, ist nach Schmids Erfahrung der falsche Weg. 'Trauer braucht Zeit und ein Ritual.' Viele Eltern geben den Totgeborenen einen Namen. Eine Kerze oder ein Kreuzlein im Wohnzimmer erinnert sie an das tote Kind. Viele legen auch Blumen auf dem Grab im Friedhof nieder, das die Stadt Marktoberdorf betreut. Und am Totensonntag (21. November) findet in der Frauenkapelle eine Kindergedenkfeier für Menschen statt, die um ein Kind trauern. Neu ist in Marktoberdorf, dass sich trauernde Eltern in einer Selbsthilfegruppe treffen können. Zusammen mit einer Hebamme finden auch Begegnungsabende für Frauen statt, die nach einer Fehlgeburt wieder schwanger werden und von Ängsten geplagt werden. Schmid ist inzwischen 'sehr froh', dass in vielen Krankenhäusern das Personal sensibel mit dem Thema Tot- und Fehlgeburten umgeht und enger Kontakt mit Initiativen wie der Marktoberdorfer besteht. Im unserem Raum gibt es weitere Initiativen in Augsburg, Füssen oder Kempten. In Kaufbeuren sind Gruppen im Entstehen. Wie groß der Bedarf nach Beerdigungen oder Seelsorge ist, erfährt Schmid täglich am Telefon. Bis aus Landsberg rufen Eltern an und fragen, ob sie ihre toten Kinder in Marktoberdorf begraben lassen können. i Wer Informationen über die Initiative erfahren möchte, kann sich an Elmar Schmid unter Telefon: 08342/897953 wenden.

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