Traditionell und familiär - nur die Mohnknödel gibt es nicht mehr

Von Sabine Beck | Kempten Ganz früher waren es Mohnknödel. Jedes Jahr zu Heiligabend stand Elisabeth Schulz in der Küche, um die süßen Leckereien für die ganze Familie herzustellen. Dabei war das Gericht damals ein Armeleuteessen, Fleisch ließ der straff kalkulierte Etat selbst an Feiertagen nicht zu. Heute, viele Jahrzehnte später, sind die Mohnknödel zu Weihnachten für Elisabeth Schulz Geschichte. Andere lieb gewonnene Weihnachtsbräuche dagegen haben sich die 97-Jährige und ihr Sohn Wilhelm beibehalten.

'Ja früher', sagt die hoch betagte Dame mit der adretten Frisur und ein Lächeln huscht über ihr Gesicht. 'Früher' - das war noch in Oberschlesien, als die ganze Familie zusammen war und Weihnachten selbst in mageren Jahren regelmäßig groß gefeiert wurde. 'Wir haben viele Plätzchen gebacken, zeitig den Christbaum aufgestellt und überall hat es geleuchtet und geglitzert', erinnert sich die 97-Jährige. Und die Geschenke? 'Reichlich', meint Elisabeth Schulz. Auch wenn es früher eben nur kleinere und einfachere Dinge gab: 'Aber die Leute waren mit weniger zufrieden und hatten auch an kleinen Dingen große Freude.' Schön sei es gewesen.

Doch dann kam der Krieg und alles wurde anders. Ihr Mann musste an die Front und eines Tages - Elisabeth Schulz tat gerade Dienst am Bahnsteig - fielen die Bomben: 'Ich habe meinen Sohn und meine Mutter geholt und dann sind wir mit dem Zug geflüchtet.' Alles ließ Elisabeth Schulz an jenem Tag in Oberschlesien zurück. Ihr Hab und Gut, ihr bisheriges Leben und die letzte Verbindung zu ihrem Mann. Ob er damals überhaupt noch am Leben war, weiß Elisabeth Schulz bis heute nicht. Nie wieder hat sie etwas von ihm gehört. 'Wie so viele damals', sagt die 97-Jährige leise.

In Lindau landete die kleine Familie kurz vor Kriegsende, 1951 bekam die alleinerziehende Mutter von der Bahn eine Dienstwohnung in Kempten. 1962 baute sie in Thingers ein Haus. 'Das soll mir erst mal einer nachmachen', sagt die rüstige 97-Jährige nicht ohne Stolz. Schließlich habe sie es nicht einfach gehabt - ganz allein mit einem Kind.

Mit ihm - Sohn Wilhelm ist mittlerweile 73 Jahre alt - feiert sie auch heuer Heiligabend. Ohne Mohnknödel, dafür mit ein paar Würstchen. Richtig gefeiert wird dann am 25. Dezember. Ansonsten soll der Heilige Abend ein bisschen so werden wie er früher in Oberschlesien war. 'Da fehlt es an nichts', sagt Elisabeth Schulz. Und das heißt für sie: Lichterglanz, Weihnachtslieder und einen Tag später ein Ständchen vom Sohn am Klavier. 'Eben so wie immer. Ganz familiär.'

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