Sucht: Vorwurf gegen manches Unternehmen

Marktoberdorf/Ostallgäu (jth). - 'Irgendwann musste ich einsehen, dass ich zu liberal war.' Zu dieser Erkenntnis kam der Autor Dieter Lattmann in seinem Vortrag 'Die unerreichbaren Nächsten - Sucht und Angehörige' im Marktoberdorfer Rathaus-Saal. Er forderte die Zuhörer auf, bei Politikern und Unternehmen zu protestieren, die das Thema 'Sucht' auf die leichte Schulter nehmen. Der Autor war vom Kreisjugendring und von Marktoberdorfer Schulen eingeladen worden, um über seine Erfahrungen als Vater eines Sohnes zu sprechen, der an seiner Sucht gestorben ist. Am Vormittag diskutierte er mit Schülern, abends mit deren Erziehungsberechtigten. Dem Aufruf der Schulen waren zahlreiche Eltern gefolgt, die sich in einer regen Diskussion darüber austauschten, was man als Eltern unternehmen kann, damit Kinder nicht in den Strudel des Drogenmissbrauchs geraten. Dem ehemaligen Bundestagsabgeordneten Lattmann ging es auch darum, aus erster Hand zu berichten, wie Eltern damit zurecht kommen können, wenn sie ein Kind durch Drogenmissbrauch verloren haben. Lattmann beschäftigte sich mit dem Thema Sucht, weil er selbst einen drogenabhängigen Sohn verloren hatte. In den vergangenen Jahren hatte er in Krankenhäusern und Sucht-Stationen hospitiert, um für sein neues Buch 'Fernwanderweg', aus dem er 'gestern' in der Buchhandlung Glas las, über Drogenabhängige zu recherchieren. Ein zentrale Botschaft seines Vortrags lautete: 'Jede Akzeptanz abhängigen Verhaltens führt den Betroffenen weiter in die Abhängigkeit hinein.' Gleichzeitig appellierte er an Eltern, welche die Sucht ihrer Kinder erkannt haben, den jungen Menschen Grenzen aufzuzeigen. Er räumte ein, Fehler im Umgang mit seinem suchtkranken Sohn gemacht zu haben.

'Ich war zu liberal.' Er habe einfach nicht mit der Sucht des Sohnes umgehen können. Gleichzeitig riet er Eltern, sich über abhängige Kinder auszutauschen. Der Grund: Manchmal hätten Angehörige mehr und länger als Co-Abhängige zu leiden als die Suchtkranken selbst. Hart ins Gericht ging er mit einigen Vertretern aus Wirtschaft und Politik. Angesichts von rund 300000 Menschen, die jährlich in Deutschland an den Folgen von Drogenmissbrauch sterben, nannte er die französische Gesetzgebung vorbildlich. Im Nachbarland ist nämlich Werbung für Suchtmittel in den Medien verboten. 'Ich begreife es nicht, warum die deutschen Politiker nicht von den Franzosen lernen'. Teilen der Wirtschaft warf er vor, 'unsere Kinder zu Süchtigen zu machen'. Gerade der Verkauf von 'Alcopops' führe dazu, dass sich immer jüngere Kinder am Alkohol berauschten. Angesichts der Verstöße einiger Verbrauchermärkte gegen das Jugendschutz-Gesetz, riet er Eltern, nicht tatenlos zu zuschauen. 'Stellen sie den Geschäftsführer im Supermarkt zur Rede, wenn sie wissen, dass dort Alkohol an Kinder verkauft wird.' Lattmanns Vortrag schloss sich eine rege Diskussion an. Dabei nahmen auch Erich Nieberle (KJR), Wolfgang Hawel (Gesundheitsamt) und Martin Schmidt (Bezirkskrankenhaus Kaufbeuren) Stellung.

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