St.Stephan: Das ganze Dorf legt sich ins Zeug

Irsee (avu). - Das Kirchlein auf der Anhöhe von Irsee ist in mancher Hinsicht eine Besonderheit: Regelmäßige Gottesdienste gibt es schon lange nicht mehr. Manchmal finden sich Gläubige zum stillen Gebet ein, aber oft sind Arbeiter und Restauratoren am Werk. Das historische Gemäuer erzählt Geschichte und Geschichten und dennoch ist es eine Baustelle. Mehr als ein Jahrzehnt der Sanierung in der ehemaligen Pfarrkirche St. Stephan neigt sich nun dem Ende zu. Fast ein ganzes Dorf hat sich dafür ins Zeug gelegt. St. Stephan gilt als letztes Relikt der Säkularisation von 1803 im Klosterdorf Irsee, das mit ehrenamtlichem Bemühen wieder zum Leben erweckt werden soll. Treibende Kraft ist der rührige 'Förderverein St. Stephanskapelle', der seit Jahren Mittel sammelt, Patenschaften vergibt und Projekte mit Spendengeldern koppelt. 'Das ist eine absolute Erfolgsgeschichte', freut sich Vorsitzender Gerald Schmidt. Ein Beispiel aus jüngster Zeit mag dafür stehen: Allein der Irseer Frauenbund trug 17000 Euro aus dem Verkauf eines Backbuches zusammen, die zweckgebunden für die Altarrenovierung eingesetzt werden. Der vom ehemaligen Bürgermeister Rudolf Scharpf und dem früheren Vorsitzenden Günter Lerch initiierte und 1996 gegründete Verein zählt heute rund 80 Mitglieder, doch laut Schriftführer Volker Koneberg identifiziert sich fast das ganze Dorf mit der Sanierung. Willibald Müller, der den Einsatz zahlreicher Helfer koordiniert, spricht von 2868 bisher geleisteten freiwilligen Arbeitsstunden. Eigentümer und Bauherr ist freilich die Gemeinde, die 60 Prozent der rund 800000 Euro Sanierungskosten trägt.

Fast dem Erdboden gleich gemacht Dass die Kapelle überhaupt noch steht, ist ein Glücksfall. Fast wäre sie nach der Säkularisation ganz dem Erdboden gleich gemacht worden. Nicht zuletzt um Platz für die Friedhof zu schaffen, wurde 1834 das Schiff abgebrochen. Die letzte Renovierung gab es in den zwanziger Jahren. Heute hat die Kapelle dank der Bemühungen wieder einen Anbau, das Dach ist dicht und mit der Weihe der neuen Glocken 1999 kam die Sanierung einen gewaltigen Schritt voran. 2002 folgte die Innenrenovierung der Sakristei. Vergangenes Jahr wurde der Kirchenboden grundlegend erneuert, in den vergangenen Monaten konzentrierten sich die Arbeiten auf die Raumschale. Die originalen Deckengemälde waren komplett erhalten und, was als Besonderheit gilt, wurden noch nie retuschiert. 'Es wurden keine 50 Milliliter neue Farbe verwendet', so Müller. Der Blick auf das Deckengemälde, an dem zwei Restauratoren vier Monate arbeiteten, ist nun wieder frei. 'Die Epochen werden deutlich in der Farbgebung an der Raumschale', sagt Architekt und Bauleiter Martin Hofmann. Allerdings habe es in früher Zeit auch 'unsachgemäße Ergänzungen' gegeben. Nach Abbau des Innengerüstes steht nun noch das Altargerüst. Jetzt gibt es noch Befunduntersuchungen an den Malschichten des Altars, der samt der Figuren, Bilder und Reliquien ebenfalls restauriert, in Teilen zumindest aber gesäubert wird. Die nächsten Monate muss noch an den Kirchenbänken, der barocken Kirchentür sowie den Fassungen des Hochaltars gearbeitet werden. Ebenso an der Fassung der Emporenbrüstung , auf der sich Dokumente der Volksfrömmigkeit aus ganzen Epochen eingeritzt finden: Herzen, Namen und Jahreszahlen sind keine Erscheinung der Neuzeit, es gibt sie in St. Stephan nachweislich seit 1834. 40 Kubikmeter Schutt sind bei der Freilegung des gotischen Bogens über der Empore zudem angefallen. Dort soll einmal eine neugotische Orgel stehen, die einst von Pfarrer Rehle erworben wurde und derzeit eingelagert ist. '13 Jahre sind genug', sagt Gerald Schmidt. Noch heuer soll die bauliche Renovierung ab geschlossen werden. Wohl im Spätsommer ist die Kirche, die in all den Jahren vom Mesnerehepaar Max und Berta Bartenschlager trotz der Widrigkeiten in Schuss gehalten wurde, wieder für die Öffentlichkeit zugänglich. Und wer weiß: In ferner Zukunft werden die Nachfahren der vielen Helfer auch dieses Ereignis in der Emporenbrüstung verewigt sehen.

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