Memmingen
Streicheln und Jaulen

Die hohe Kunst des «Zwiefachen» boten Otto Göttler - der Alt-Giesinger Barde (Jahrgang 1948) aus dem Türkenfeld-Dorf Zankenhausen - und sein Kontrapart Konstanze Kraus aus dem nahen Engetried im Memminger Antoniersaal. «Unverschämte Wirtshausmusik» nennt sich die nicht mehr ganz neue Formation des ehemaligen Radrennfahrers und Weinhändlers. Im Wirtshaus wäre dieser fetzige Auftritt, mit frechen, auch mal bierernsten, oft politischen Balladen auch wunderbar aufgehoben. Atmosphäre zu schaffen gelingt den beiden Vollblutmusikern aber auch hier recht schnell.

Oberbayerische Texte verlangen volle Aufmerksamkeit

«Unverschämt» frivol sind die Landler und Gstanzln, die in ihrer oberbayerischen Ausprägung dem Publikum im vollen Saal manchmal angestrengte Aufmerksamkeit abverlangen. Aber auch bayerischen Blues oder Rock, selbst klassische Melodien hört man mit «boarischem» Text. Die Unterallgäuerin Konstanze Kraus unterwirft sich sprachkundig dem Alt-Barden Göttler, «weil i sonst allweil fünf Takte zspät komm - und der Otto mi net versteht». Dank einfühlsamer Kommentare («grad, wenn man den Zwiefachen kapiert hätte, mit seinem Vorspiel und Hin und Her, dann machts an Knall und er is aus!») bereitet das «fremdsprachige» Konzert aber erkennbar große Freude.

Konstanze Kraus streichelt die Allgäuer Volksharfe zum orientalischen Vorspiel und singt mit einer immer präsenten Stimme, mal zart und nachdenklich, mal einfach mitreißend. Otto Göttler, ein bewährter Haudegen der Kleinkunst, lässt die Diatonische jaulen, die E-Ukulele weinen und die Säge singen. Und selber singt er auch gewaltig gut. Er rappt mit der Tuba zum Motto des Abends «Aufgschbuid werd und wems ned passt, der ko si glei schleicha!»

Und überhaupt: «Ein echtes bayerisches Wirtshaus macht um halb acht zu, dann doch lieber im Antoniersaal!». Weil das so wunderschöne Lied gegen den Transrapid der neuen Strategie der bayerischen Staatsregierung gegen kritische Lieder zum Opfer fiel («die ham doch glatt den Transrapid abgschafft, was jetz?») haben sich die beiden ein ebenso passendes Lied zur FDP in Bayern «gleich verkniffen, sonst schaffen die die FDP auch einfach ab und unsere Arbeit war wieder umsonst».

Resümee: Ein vergnüglicher, tiefgründiger, rebellischer bis anarchistischer, poetisch schöner und unterhaltsamer Abend - im Wirtshaus wärs noch schöner.

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