Memmingen
«Stilkritisches Chaos angerichtet»

Die Kunsthistorikerin Dr. habil. Gertrud Otto, Grand Dame der Memminger Kunstgeschichtsforschung, galt und gilt ihren Fans als unumstößliche Autorität, vor allem, wenn es um die Kunst der Strigel-Epoche geht. In jüngster Zeit hat allerdings der Kunstgeschichtler Dr. Albrecht Miller kräftig an ihrem Thron gerüttelt.

Miller, pensionierter Museumsdirektor der Bayerischen Schlösser- und Seenverwaltung, gilt im Kunsthandel als gesuchter Experte und stand auch der Sparkassenstiftung Memmingen-Mindelheim bei ihren Ankäufen schon mehrfach mit fachmännischem Rat zur Seite.

Zweifel an der Unfehlbarkeit

Zweifel an der Unfehlbarkeit von Gertrud Otto (1895-1970) meldete Miller vor allem im Zusammenhang mit den umstrittenen Zuschreibungen der Halbfiguren am berühmten Chorgestühl von St. Martin an. Otto sah darin ein Meisterwerk des Bildhauers Hans Thoman, den sie als überragenden Bildschnitzer im Memmingen des frühen 16. Jahrhunderts einschätzte und ihm zahlreiche weitere Bildwerke zuwies.

«Memminger Thomann-Eintopf»

Damit habe sie ein «stilkritisches Chaos» angerichtet, rügt Miller, der in diesem Zusammenhang geringschätzig von einem «Memminger Thoman-Eintopf» spricht. In einem Aufsatz, erschienen in den Memminger Geschichtsblättern 2006/2007, unternimmt er es dann, Ordnung nach seinen Vorstellungen in das angebliche Chaos zu bringen.

Dabei geht es ihm vor allem darum, «ein klares Bild vom Schaffen Hans Herlins und seiner Schüler Hans Thoman und Christoph Scheller» zu zeichnen. Anhand der Rechnungsbücher der St. Martinspflege und zahlreicher Stilvergleiche, glaubt er, Otto in entscheidenden Punkten widerlegen zu können und Hans Herlin den ihm gebührenden Anteil an der Memminger Kunstgeschichte und vor allem an der Entstehung der bekannten Halbfiguren zu sichern.

Miller: «Entgegen Gertrud Ottos Annahme, Hans Herlin hätte Memmingen nach Vollendung des Gestühls wieder verlassen, hat sich seine zwischen 1500 und 1515 nachweisbare Tätigkeit als prägend für die gesamte Memminger Plastik des frühen 16. Jahrhunderts erwiesen.» Hans Thoman, so räumt Miller ein, habe später das künstlerische Erbe Herlins weiterentwickelt und «schuf in seinem unverwechselbaren Parallelfaltenstil großartige Werke, die zu den subtilsten und elegantesten Leistungen seiner Zeit» zählen.

Doch Miller stößt mit seinem Widerspruch gegen Ottos «geheiligte Thesen» nicht nur auf Zustimmung. Vor allem in Kreisen der Heimatforschung gibt es genügend Stimmen, die seinen Ansichten mit großer Skepsis begegnen.

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