Lindau
Sternstunde im Stadttheater

Man darf es getrost als eine Sternstunde im Lindauer Stadttheater bezeichnen: Das Gastspiel der Sagas Produktionen Stuttgart mit Erich Kästners «Als ich ein kleiner Junge war», einem inszenierten Monolog für einen Schauspieler und sechs Musiker.

Regisseur Martin Mühleis und Schauspieler Walter Sittler haben aus der autobiografischen Erzählung Kästners einen Bühnenmonolog gemacht, der in seiner Eindringlichkeit seinesgleichen sucht und das Publikum im fast vollbesetzten Stadttheater zu Beifallsstürmen hinriss.

Kästners Ton getroffen

Sittler kommt im Trenchcoat und Hut auf die Bühne, darunter einen Einreiher mit Weste. Ganz im Zeichen der Zeit, will einer in den 50er-Jahren zurück blicken. Kästners Ton trifft der Rezitator genau. Aufs Feinste unterstützt von Saxophon (Libor Sima), Geige (Gesa Jenne), Trompete (Uwe Zaiser), Kontrabass (Veit Hübner), Harmonium (Lars Jönsson) und Schlagzeug (Obi Jenne).

Das intensive Zusammenspiel von Text und Musik macht die Familiengeschichten, die Geburt des kleinen Erich, das Spielen mit Zinnsoldaten auf der Treppe, den Besuch bei Onkel Franz und den elterlichen Konkurrenzkampf an Heiligabend zum faszinierenden Erlebnis. Kästners große Verbundenheit mit den kleinen Leuten kommt ebenso liebevoll zum Tragen wie seine ironische Betrachtung der anderen. Fällt der Blick auf die Nymphen aus Marmor in den Vorgärten der Reichen und «die viel zu große Wohnung» des sächsischen Königs, ist von Neid keine Spur. Da ist nur das Unverständnis, wie man Dingen hinterher rennen kann, die nicht glücklich machen, statt sich über Schmalz- und Leberwurstbrote zu freuen.

Aber dass sich nach der 4. Klasse die Kinder aufteilen, dass die Frage nach der höheren Schule «vom väterlichen Geldbeutel beantwortet» wird - da spüren die Kinder aus den mehrstöckigen Häusern mit Hinterhöfen schon, dass das keine Gerechtigkeit ist.

Und immer wieder wird in dem Stück die Liebe zu der Heimatstadt Dresden und noch mehr die zwischen Mutter und Sohn deutlich. Einer Frau, die sich zerreißt für ihr Kind und deren Nerven irgendwann schwächer werden. Einem Kind, das Zettel auf dem Küchentisch liest, und verzweifelt losrennt, um die Mutter von Dresdens Brücken zu holen.

Mit dem Krieg endet die Kindheit

Kästner lamentiert nicht, klagt nicht an. Beschreibt nur aufs Vortrefflichste, wie es war, als er ein kleiner Junge war. 1899 bis 1914. Denn als der 1. Weltkrieg anfing, war für ihn die Kindheit zu Ende.

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