Sprache ist Schlüssel zum Erfolg

Von Renate Meier, Kaufbeuren - Die Sprache ist der Schlüssel zum Erfolg. Wer kein Deutsch kann, hat kaum Chancen auf dem Arbeitsmarkt, kann am täglichen Leben nur schwer teilnehmen. Deshalb erhalten derzeit in Kaufbeuren alle Aussiedler - ausgenommen die schulpflichtigen Kinder - einen halbjährigen Sprachkurs. Für die Serie 'Auf der Suche nach der Heimat' besuchte die AZ das Seminar einer Sprachschule, die im Auftrag des Arbeitsamtes tätig ist, und einen Kurs der Volkshochschule, den das Sozialamt anbietet (siehe weiteren Artikel). Im Oberbeurer Pfarrheim drücken seit 1. März 19 Teilnehmer im Alter von 16 bis 57 Jahren zusammen die Schulbank. Sie kommen fast alle aus Russland - aus dem Uralgebirge oder aus Sibirien - und haben die unterschiedlichsten Berufe: Jurist, Putzfrau, Erzieherin für Taubstumme, Buchhalterin oder Sportlehrer. Seit einigen Wochen leben sie in Kaufbeuren, die meisten im Übergangswohnheim an der Apfeltranger Straße. Da sie in ihrer bisherigen Heimat schon berufstätig waren, gewährt ihnen das Arbeitsamt ein halbes Jahr lang Eingliederungshilfe und den Sprachkurs. Grundkenntnisse in Deutsch sind bei allen in der Gruppe bereits vorhanden. Die meisten verstehen unsere Sprache sogar recht gut und können auch schon deutsch schreiben, nur mit dem Sprechen - da hapert es noch sehr. Lediglich der 26-jährige Jurist Peter (Name von der Redaktion geändert) spricht ungehemmt fließend deutsch. Seine Vorfahren stammen aus Schwaben - und das ist nicht zu überhören. Der Dialekt blieb auch im fernen Russland erhalten. Peter wuchs auf dem Land auf. In einem Verbund von vier Dörfern lebten an die 2000 Deutsche, die nach und nach weggingen, berichtet er. In seiner Familie wurde stets deutsch gesprochen und er besuchte sogar einen deutschen Kindergarten. Erst in der Grundschule lernte er russisch. Er war ein erfolgreicher Schüler und studierte nach dem Abitur fünf Jahre lang Jura. Als Jurist arbeitete er anschließend bei der Kriminalpolizei. Dass sein Studium hier anerkannt wird, hält er für äußerst unwahrscheinlich. Peter hofft, dass er nach einer Deutschprüfung wenigstens das Abitur angerechnet bekommt. Liebend gern würde er wieder bei der Polizei arbeiten.

Ob das klappt, weiß er nicht. Trotz seiner guten Position kehrte er Russland mit seiner Frau (von Beruf Buchhalterin) und seiner sechsjährigen Tochter den Rücken. Denn vor allem für sein Kind sah er dort keine Zukunft. Obwohl der Lehrer seine Schüler stets ermuntert, auch in der Pause deutsch miteinander zu reden, verfallen die Menschen immer wieder ins Russische. 'Die Sprachpraxis fehlt halt', sagt ein Mann mittleren Alters. Auch er versteht gut deutsch, traut sich aber nicht so recht zu sprechen. Als Kind hatte er in Russland an der Schule zwei Stunden Deutschunterricht pro Woche. Deshalb kann er gut schreiben und verstehen. Um die Sprache auch zu üben, fehlte es jedoch an Möglichkeiten. Das berichtet auch eine 55-jährige Frau. Sie lebte in einer sibirischen Großstadt und dort war es schwierig, weitere Deutschstämmige kennen zu lernen. Im Unterricht sind alle mit Feuereifer bei der Sache. Heute steht unter anderem das Possessivpronomen (besitzanzeigendes Fürwort) auf dem Programm. 'Ist das Ihre Kamera? - Nein das ist nicht meine Kamera' steht an der Tafel. Besonders schwer für Schüler aus Russland ist der deutsche Artikel. Denn im Russischen gibt es keine Artikel. So vergessen die Lernenden sie beim Sprechen immer wieder. Gepaukt werden muss auch das Geschlecht der einzelnen Wörter, weil dieses oft unterschiedlich ist. Im Russischen beispielsweise ist die Nummer männlich, im Deutschen weiblich. Bei einer entsprechenden Übung schreiben viele deshalb 'mein' statt meine Telefonnummer. Der Sportlehrer aus der Gruppe hat jetzt genug vom trockenen Pauken. Er bittet darum, doch wieder mal ein Lied zu singen. Begeistert marschiert die Gruppe in den Keller. Der Deutschlehrer stimmt 'Alle Vöglein sind schon da' auf dem Klavier an, alle singen aus voller Kehle die drei Strophen mit. Und für ein paar Minuten sind alle Sprachprobleme vergessen.

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