Oberstdorf
Sport als Leidenschaft - das Abitur als Absicherung

Zielstrebigkeit und Konsequenz - nur mit diesen Eigenschaften sind Schule und Leistungssport laut Tobias Trenkle unter einen Hut zu bringen. Der 15-jährige Langläufer vom SC Oberstaufen besucht die zehnte Klasse des Gertrud-von-le-Fort-Gymnasiums in Oberstdorf und geht aufs dortige Skiinternat. Erst kürzlich holte er sich in Oberwiesenthal gleich zwei deutsche Meistertitel in der Altersklasse Jugend 16 - im Einzel und im Teamsprint. Und auch in der Schule können sich seine Leistungen sehen lassen - im Schnitt steht er auf einer guten Zwei.

Jetzt hat das Gertrud-von-le-Fort-Gymnasium gezielt ein System entwickelt, um Leistungssportlern, die die Schulbank drücken, den Alltag ein wenig zu erleichtern. Denn: An der Oberstdorfer Schule ist man bemüht, Athleten wie Tobias so gut wie möglich zu unterstützen - Schulleiter Ludwig Haslbeck will aber zugleich verhindern, dass die Sportler gegenüber den anderen Buben und Mädchen privilegiert werden: «Der Zweier eines Sportlers ist ganz genauso viel wert wie der Zweier eines anderen Schülers.» Auf langjährige Erfahrung kann das Lehrerkollegium dabei zurückgreifen - schließlich legen hier seit Jahrzehnten auch Leistungssportler die Abiturprüfung ab.

Ende 2008 wurde dem Skiinternat Oberstdorf zusammen mit dem Schulverbund - bestehend aus dem Oberstdorfer Gymnasium und der Hauptschule sowie der Sonthofer Realschule - das Prädikat «Eliteschule des Sports» verliehen.

Für das Oberstdorfer Gymnasium bedeutet dies zunehmende Herausforderungen: Vor allem seit der Nordischen WM 2005 und damit verbunden der besseren Trainingsanlagen ist nicht nur die Zahl der Athleten allgemein, sondern vor allem auch deren Qualität gestiegen. 120 von rund 600 Gymnasiasten sind zugleich Athleten - etwa 25 davon sind im Hochleistungsbereich anzusiedeln. «Wir haben fünf- bis sechsmal so viele Kadersportler wie noch vor fünf Jahren», schätzt Peter Fink, Sportkoordinator für die Mittel- und Oberstufe. Und die können bis zu 60 Tage im Jahr fehlen. Insgesamt schreibt die Schulleitung für Sportler pro Jahr im Schnitt 1000 Befreiungen aus.

Tobias Trenkle fehlt um die 30 Tage, die er unter der Woche bei Training oder auf Wettkämpfen verbringt - doch auch das heißt: Immer wieder kann er Tests nicht mitschreiben - und auch mündliche Leistungsnachweise können Lehrer eigentlich nur in der Zeit außerhalb der Wettkämpfe einfordern. Hinzu kommt das achtstufige Gymnasium mit mehr Nachmittagsunterricht, der Druck nimmt allgemein zu.

Jetzt erprobt die Schulleitung ein neues Modell, das den Schulalltag für alle Seiten erleichtern soll: Leistungssportler sollen demnach Prüfungen, die sie während der Wettkampfzeit nicht schreiben konnten, künftig nach den Osterferien - und damit nach dem sportlichen Kernzeitraum - kompakt innerhalb von zwei Wochen nachholen. «Bisher haben sich die Lehrer, sobald die Sportler kurz da waren, auf sie gestürzt, um Tests nachzuholen. Das war für alle Seiten schwierig», sagt Haslbeck.

Eine Art Sportlerzweig im Blick

Das Ersatzprüfungs-Modell soll dabei aber nur ein erster Schritt sein: Die Schulleitung hofft mittelfristig auf noch mehr Unterstützung vom Kultusministerium - vor allem auf mehr Stunden für Fördermaßnahmen. Optimal wäre laut Haslbeck und Fink zudem eine Art Sportlerzweig, wie es ihn in Thüringen bereits gibt: Hier können sich die Leistungssportler drei statt zwei Jahre aufs Abitur vorbereiten.

Für manchen Athleten wäre dies mit Sicherheit eine Erleichterung - Tobias Trenkle allerdings ist froh, wenn er sich nach dem Abitur schnellstmöglich ganz auf seinen Sport konzentrieren kann.

Trotzdem ist ihm der Schulabschluss immens wichtig: «Den brauche ich als Absicherung - schließlich habe ich keine Garantie, dass ich es im Sport an die Weltspitze schaffe.»

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