Kempten
«So etwas wie in Haiti habe ich noch nie erlebt»

Es war ein ganz normaler Urlaubsflieger, der Wolfgang Strahl gestern zurück nach Deutschland brachte. In seinem Kopf noch die Bilder des zweiwöchigen Katastropheneinsatzes in Haiti, um ihn herum gut gelaunte deutsche Touristen auf dem Rückweg vom Strandurlaub in der Dominikanischen Republik. «Das war schon seltsam», sagt der Kemptener und blickt kurz ins Leere. Dann strafft er sich, zuckt mit den Schultern und sagt: «Aber so ist das halt.»

Strahl, der von seinem Haiti-Hilfseinsatz für die Johanniter zurückkehrte, ist Profi. Etliche Auslandseinsätze hat er absolviert, ist ausgebildeter EU-Experte für Katastropheneinsätze und hat schon vieles gesehen. Und doch: «So etwas wie in Haiti habe ich noch nie erlebt.» Verletzte, die einfach auf der Straße liegen und auf einen Arzt warten. Eine Frau, die ein schwer verletztes einjähriges Kind bringt, dessen Eltern und sechs Geschwister beim Einsturz des Hauses getötet wurden. Die Berichte von Überlebenden. Das Chaos in einem völlig zerstörten Staat, der schon lange vor dem Erdbeben nicht mehr funktionierte.

Die Sätze, mit denen der 45-Jährige seine Erlebnisse schildert, sind kurz und präzise. Das muss ein Katastrophenhelfer können - hängt doch von seinen Berichten über die Lage vor Ort viel ab für den Einsatz nachfolgender Teams. Nur hin und wieder merkt man Strahl die Erschöpfung an. Wenn er sich kurz die Augen reibt. Oder sein Blick aus dem Fenster geht, durch das man die verschneiten Straßen Kemptens sieht. 20-Stunden-Tage hat Strahl bisweilen absolviert, pausenlos Verletzte versorgt, sich in der deutschen Botschaft mit anderen Helfern zur Besprechung getroffen, jeden Morgen um 6.30 Uhr mit den Johannitern in Berlin das weitere Vorgehen abgestimmt. «In so einem Einsatz lebt man nur für die Sache», sagt er. Was Kraft gibt, ist das Gefühl, «dass wir da wirklich eine gute Arbeit gemacht haben».

Dass Menschen überlebt haben, weil man die richtige Entscheidung getroffen hat.

Und jetzt? Vielleicht ein paar Tage ausspannen? «Hm, mal schauen. Es gibt ja noch einiges zu tun», meint der Kemptener und lächelt verschmitzt. So als würde er eigentlich am liebsten gleich weitermachen - für Schlaf bleibt ja später noch Zeit

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