Selbst manchen Schülern ist die neue Schrift fremd

Marktoberdorf /Oberthingau(dau). - Christian geht in die vierte Klasse. Seine kleinere Schwester Carina besucht die zweite Klasse und lernt gerade die Schreibschrift. Doch wenn Carina etwas schreibt, kann Christian es kaum lesen, obwohl ihre Schrift sehr ordentlich ist. Carina lernt nämlich die vereinfachte Ausgangsschrift, die seit 2000 in Bayern für alle neu eingeschulten Grundschüler obligatorisch ist. Christian lernte noch die alte lateinische Ausgangsschrift. Cilly Eiband, die Mutter der beiden, ist empört: 'Das ist ein Schwachsinn. Die Kinder sind zwei Jahre auseinander und können nicht lesen, was der andere schreibt.' Inzwischen hätten sich ihre Kinder schon etwas daran gewöhnt, so die Oberthingauerin. Aber anfangs sei es für sie unmöglich gewesen, die Schrift des anderen zu lesen. 'Die Schrift bringt überhaupt nichts. Und das meine nicht nur ich, sondern auch viele andere Eltern und Lehrer teilen diese Meinung', sagt sie. Die fünffache Mutter will die Schreibreform nicht akzeptieren und sammelt unter anderem auch Unterschriften, um dagegen anzukämpfen. Schulamtsdirektor Karl Happ (Marktoberdorf) sieht die Reform dagegen gelassen und glaubt auch nicht, dass Unterschriftenaktionen sie rückgängig machen können. 'Bayern hat die Vereinfachte Ausgangsschrift als letztes Bundesland in Deutschland eingeführt. Allein auf Grund des Gleichheitsprinzips war die Einführung selbstverständlich.' Die deutsche Schreibschrift unterlag allein in den letzten hundert Jahren mehreren Reformen und Verbesserungen. 1915 wurde die Sütterlin-Schrift eingeführt, 1941 wurde diese von der deutschen Normalschrift, einer Art lateinischen Schrift, abgelöst. Und nur zwölf Jahre später wurde die lateinische Ausgangsschrift, die Weiterentwicklung der deutschen Normalschrift, als verbindlich festgelegt. Dabei drückt schon die Bezeichnung Ausgangsschrift die wesentliche Veränderung aus. Die in der Schule gelernte Schrift soll nur der Grundstock für eine individuelle, selbständig entwickelte Handschrift sein. Und unter dem Aspekt der Ökonomie und der Erlernbarkeit der Schreibschrift wurde1973 die vereinfachte Ausgangsschrift konzipiert, die nun seit 1980 in ihrer Endform existiert. 'Natürlich gestehe ich, dass die Vereinfachte Ausgangsschrift vielen allein wegen der Ästhetik missfällt. Die Formen sind allgemein eckiger oder das 'z' ist schon sehr gewöhnungsbedürftig.', so der Kommentar des Schulamtschefs. 'Aber die Schrift ist geläufiger, flüssiger zu schreiben, lesbarer und leichter erlernbar, da sie der Druckschrift ähnelt.' Cilly Eiband ist da aber ganz anderer Meinung. Sie findet, dass sich ihr Sohn mit der vereinfachten Ausgangsschrift schwerer tut. Auch neige die Schrift stark zur Verschlampung, so werde aus dem Verb 'leben' schnell mal 'beben'. Auch sei das Argument des Gleichheitsprinzips nicht stichhaltig, da in vielen Bundesländer die Schulen über die verwendete Schreibschrift entscheiden.

Vielen ist die Schrift neu Linguistin Marlis Körner erkennt nach intensiven Beobachtungen von Grundschülern eindeutige motorische Vorteile in der vereinfachten Ausgangsschrift. Den Grund für die Ablehnung von Seiten der Eltern sieht sie darin, dass zum einen die Erwachsenen mit der Lateinischen Ausgangsschrift stark verwurzelt sind und zum anderen sei auch die Informationspolitik schuld an der Ablehnung. 'Die Einführung ging an der Öffentlichkeit völlig vorbei. Viele haben davon noch nie gehört', findet auch Cilly Eiband, 'auch geht doch ein Stück Kulturerbe zu Grunde.' Karl Happ denkt an später, wenn die Kinder von heute mal erwachsen sind: 'Letztendlich soll doch die Ausgangschrift nur ein Impuls und Vorschlag sein, um später seine eigene, charakteristische Handschrift auszubilden.'

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