Schrille Pfiffe für den Dienstherrn

Kaufbeuren/Passau (rö). - Große Polizeipräsenz bei Politereignissen gehört zum Alltagsbild. Doch am Aschermittwoch gingen in Passau rund 3000 Polizisten, darunter viele aus dem Allgäu, nicht im Auftrag ihres Dienstherren, des bayerischen Ministerpräsidenten, auf die Straße, sondern aus Protest gegen die von ihm geplanten Sparmaßnahmen - sie nennen diese 'Spardiktat'. Schon kurz nach 5 Uhr startet der Bus mit 32 Kollegen aus Kempten, Marktoberdorf, Kaufbeuren und Buchloe Richtung Passau. Extra-Busse fahren aus dem Oberallgäu, Lindau und dem Unterallgäu. Christel Urbanzcyk von der Gewerkschaft der Polizei aus Kempten teilt Trillerpfeifen, Gewerkschaftswesten und 'Rote Karte für Stoiber'-Pins aus. Zur Einstimmung liest Kai-Uwe Grothe, Personalrat in Kempten, ein Schreiben von Werner Blaha von der Direktion Krumbach vor, in dem der noch einmal klar umreißt, welche Sparpläne die Staatsregierung hat. Konkret geht es um die Verlängerung der Lebensarbeitszeit von derzeit 60 Jahren auf 62, der Wochenarbeitszeit - bereits seit zehn Jahren bei 40 Stunden - auf 42 Stunden. Nullrunden gibt es seit Jahren, Urlaubsgeld ist längst weggefallen, Weihnachtsgeld soll gekürzt werden, Altersteilzeit gestrichen, Zulagen reduziert. 'Wer solche Maßnahmen fordert, hat keine Ahnung von den hohen Belastungen im Polizeivollzugsdienst', liest Grothe unter großem Beifall vor. 'Wie soll denn bitte ein 62-jähriger Beamter einen alkoholisierten Zwanzigjährigen, der randaliert, in Schach halten?' bringt das ein Buchloer Kollege auf den Punkt. Einer ist auch sauer, dass die Polizei immer mit den normalen Beamten verglichen wird. 'Wir leisten doch ganz andere Arbeit.' In Passau zieht der mehrere hundert Meter lange Demonstrationszug unter ohrenbetäubendem Pfeifen und 'Stoiber heißt er, uns bescheißt er'-Rufen vier Kilometer weit zum Messeplatz. Dort tagen in der Dreiländerhalle die CSU und ihre Anhänger, dort wettert Stoiber gegen Rot-Grün. Noch schriller wird der Lärm, als der Zug an der Halle vorbeizieht bis zu einem rund 500 Meter weiter gelegenen Parkplatz, wo die Kundgebung der drei Polizeigewerkschaften stattfindet. 'In Sicht-, aber nicht in Hörweite. Das ist einer geschätzten Regie zu verdanken', kritisiert der Kaufbeurer Bernhard Stuber. 'Dennoch ist es wichtig, Flagge zu zeigen.'

'Das ist Wahlbetrug' Die Gewerkschafter manifestieren noch einmal den Standpunkt der Polizei. Sie sprechen offen von Wahlbetrug. 'Mit uns ist das nicht zu machen'. Ihren Beitrag zu den Sparmaßnahmen hätten die Polizeibeamten längst und mehr als reichlich geleistet. Bereits jetzt gebe es wegen der extremen Belastungen insbesondere im Schichtdienst Nachwuchssorgen. 'Die Beamten werden immer älter, der kriminelle Nachwuchs immer jünger', heißt es. Nach dem Ende der offiziellen Kundgebung ziehen die Beamten wieder zur Dreiländerhalle. Und plötzlich ist noch einmal richtig Zorn zu spüren auf die da drinnen. 'Stoiber raus, Stoiber raus' wird doppelsinnig skandiert, die Trillerpfeifen schrillen unablässig. Doch Stoiber lässt sich nicht sehen. Später heißt es, der Ministerpräsident sei am Demonstrationszug vorbeigefahren und habe demonstrativ weggeschaut. Die Beamten sind aber mit ihrem Auftritt recht zufrieden. 'Es war die imposanteste Demo, auf der ich je war, auf jeden Fall die, auf der am lautesten gepfiffen wurde', befindet Bernhard Seitz von der PI Buchloe. 'Schwach, dass Stoiber nicht rauskam', meint der Kaufbeurer Peter Wagener. Auch Bernhard Stuber findet es schade, 'dass man das den Adressaten nicht live rüberbringen kann'. Als besonders erfreulich bezeichnen alle die Tatsache, dass sich erstmals die drei Gewerkschaften zu einer gemeinsamen Aktion zusammengetan haben. 'Das zeigt: Es ist wirklich fünf vor zwölf', so Roman Pernstich. Auffällig aber auch hier: Es demonstrieren fast nur Kollgen jenseits der 40 Jahre. Die jüngeren Kollegen hätten nicht so den Drang, sich für ihre Belange auch einzusetzen, so Stuber, 'warum sollte bei uns die gesellschaftliche Entwicklung anders sein?' Und außerdem zeige sich hier das Strukturproblem: 'Wir über 40 gehören doch schon zu den Jungen.' Im Bus werden die Nachrichten lauter geschaltet. Ausführlich wird in Bayern 1 über Stoibers Auftritt berichtet. Doch von der Riesendemo gibt es kein Wort. 'Typisch', nickt einer.

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