Schnee auf Toscas Auge

Von Ingrid Grohe | Bregenz Als schon im November die Temperaturen am Bodensee unter Null Grad sanken, wurde es den Technikern der Bregenzer Festspiele ganz schön heiß. Denn so früh waren sie darauf nicht vorbereitet: Schnee fiel auf Toscas Auge. Knapp zehn Zentimeter lagen schließlich auf der 45 mal 22 Meter großen, fast waagerecht gelagerten Augenwand auf der Bregenzer Seebühne.

14-seitiges Handbuch

Natürlich war schon alles berechnet und durchdacht. Ein 14-seitiges 'Betriebshandbuch Einwinterung Tosca 07/08' liegt seit Ende Oktober bereit. Vor dem ersten Schneefall, so steht da geschrieben, sollten zusätzliche Planken zur Verstärkung der Konstruktion eingezogen werden. Aber wer rechnet schon im November am Bodensee mit Schnee? Inzwischen sind die Streben montiert.

Maximal 130 Kilogramm pro Quadratmeter darf nach Berechnungen des Statikers die Schneelast betragen - dann heißt es schaufeln oder die Wand kippen, bis die weiße Pracht in den See rutscht. Der erste, sehr nasse Schnee jedoch wollte sich nicht so recht in Bewegung setzen. Und so hoben Motoren und Hydraulik die künstlerisch gestaltete Wand fast bis in die Senkrechte, bis sich all das Gefrorene endlich löste.

Toscas imposantes Auge am Bodensee ist nicht nur schön, sondern auch teuer. Sechs Millionen Euro kostet die Seebühne mit allem Drum und Dran für zwei Tosca-Sommer. Bei der Überwinterung der Augenwand geht es also neben der Konservierung einer kunstvollen Kulisse vor allem um den Schutz einer kostspieligen und ausgeklügelten Technik.

Große Verantwortung

Eine kleine Mannschaft von drei Mitarbeitern trägt die große Verantwortung, die Tosca-Bühne gut über den Winter zu bringen. Die Männer sind für alle Eventualitäten geschult und gerüstet durch jahrelange Erfahrung an diesem außergewöhnlichen Arbeitsplatz. Bei der Planung von Abläufen haben bei den Bregenzer Festspielen inzwischen die eigenen Fachkräfte mehr mitzureden als externe Ingenieursbüros. Der technische Direktor Gerd Alfons setzt auf selbst erworbenes Know-how: 'Unsere Leute kennen die Gefahren und wissen am besten, wie die Dinge auf der Seebühne zueinander funktionieren.'

Auf Bühnenboden und Augenwand haben die Festspielmitarbeiter Geländer als Absturzsicherungen angebracht, weil das Abschaufeln auf den rutschigen Flächen sonst zu gefährlich wäre. Wand und Iris fahren sie einmal in zwei Wochen hoch und runter, um die Beweglichkeit zu testen, Antriebe und Kolben wurden eingefettet und mit Isoliermaterial eingepackt. Die Elektronik läuft den ganzen Winter über im Stand-by-Modus, geschützt von automatischen Frostwächtern. Die empfindlichsten Teile wie LED-Wand, Lautsprecher und Scheinwerfer allerdings wurden schon im Herbst ausgebaut.

'Rein technisch', sagt Gerd Alfons, 'sind wir im Sommer recht schnell wieder spielbereit.' Wie viel Aufwand aber die optische Auffrischung von Toscas Auge erfordert, kann erst im Frühjahr gesagt werden. Um den Teint zu schonen, wurde die 220 Tonnen schwere Wand leicht schräg gelagert. So bleibt kein Wasser stehen. Und die von Künstlerhand bemalten Stoffplanen, aus denen sich das große Bild zusammensetzt, sind mit Lack überzogen. Trotzdem laufen schon jetzt leichte Schlieren über das Augenbild. Vor Beginn der Festspiele wird es hier einiges auszubessern geben.

Sonderbehandlung mit Folie

Die bewegliche Iris des schönen Tosca-Auges erhielt eine Sonderbehandlung zur Überwinterung: Eine Kunststofffolie wurde aufgezogen. 'Mal schauen, was im Frühjahr unter der Plane hervorkommt', sagt der technische Direktor. Er ist nicht ganz sicher, ob das Verpacken die richtige Entscheidung war. Denn: 'Schimmel wäre schlimmer als Verwitterung.' Seit dem kalten Novemberbeginn hat das Tosca-Auge keinen Schnee mehr gesehen. Aber Räumdienst und Schneeschaufeln stehen bereit.

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