Schlüsselerlebnisse des Gewerkschafters

Kaufbeuren (avu). - Die Bilder des Vietnam-Krieges lassen Walter Riester eine 'grundsätzliche Anti-Kriegs-Haltung einnehmen'. So sehr, dass er bei einer Ortsversammlung der Gewerkschaft Bau-Steine-Erden in Kempten einen Antrag auf Ausschluss des Verkehrsministers und ehemaligen Vorsitzenden der Bauarbeitergewerkschaft, Georg Leber, einem Befürworter des militärischen Einsatzes der USA, stellt. 'Aber ich stand mit dieser Position allein. Die meisten der anwesenden Delegierten sahen mich amüsiert an, andere auch entsetzt', erinnert er sich in seinem Buch. Die Baugewerkschaft ist ihm zu dieser Zeit längst zu 'rechts' geworden. In Kürze erscheint das Buch 'Mut zur Wirklichkeit' des ehemaligen Arbeitsministers und gebürtigen Kaufbeurers Walter Riester (Foto). Bundeskanzler Gerhard Schröder wird das Werk heute in Berlin der Öffentlichkeit vorstellen. Zuvor haben sich in vier Serienteilen der AZ Riesters Erinnerungen an seine Kindheit in Kaufbeuren widergespiegelt. Mitte der 60er Jahre wird Walter Riester zur Bundeswehr einberufen. In München, wo er stationiert ist, besucht er gleichzeitig Abendvorträge an der Universität. Einen Monat vor seiner Entlassung fasst er den Entschluss, den Wehrdienst zu verweigern.

'Ich hatte Angst, dass mein Rückgrat gebrochen würde, dass auch ich im schlimmsten Falle zum Ja-Sager würde, der zu allem Ja und Amen sagt.' Die Verhandlung über seinen Verweigerungsantrag findet in der Prinz-Franz-Kaserne in Kempten statt, wo es aber weniger um seine schriftliche Begründung als mehr um seinen Vater, der dem Kommunismus nahe steht, geht. 'Ohnmächtig saß ich auf meinen kargen Holzstuhl. Die Kommission hatte sich über meine Familie erkundigt, nun wollte sie die politische Einstellung meines Vaters gegen mich ausspielen. Zugleich begriff ich, dass ich nicht damit aufhören durfte, mich zu wehren, wenn die Freiheit und Autonomie eines Menschen angegriffen wurden.' Diese Erfahrung zählt Riester in seinem Buch zu den Schlüsselerlebnissen seines jungen Lebens. Erlebnisse, die sein späteres politisches Vorgehen bestimmen würden. 1969, nach seiner Meisterprüfung, beginnt Walter Riester sein Studium an der Akademie der Arbeit in Frankfurt am Main, die als Nachwuchsschmiede für den obersten Funktionärsstamm der Gewerkschaften gilt - eine große Herausforderung für den jungen Mann, der niemals eine höhere Schuleinrichtung besucht hat. Sein Privatleben befindet sich zu dieser Zeit in einer Sackgasse. 'Mein Ehrgeiz und meine Politisierung entfremdeten mich zunehmend von meiner Frau.' So jedenfalls ist seine Sicht der Dinge. Riester steht am Anfang seiner beruflichen Karriere, die ihn bis in den Vorstand der größten Einzelgewerkschaft der Welt und Gerhard Schröders Kabinett führen wird, als er sich 1972 von seiner ersten Frau scheiden lässt. Dem Allgäu hat er zu diesem Zeitpunkt längst den Rücken gekehrt.

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