Marktoberdorf
Römer leben im Maßstab 1:250

Die Tube Klebstoff in der einen Hand, die Pinzette in der anderen. Da klingelt das Handy. Geoffrey Cheeseman nestelt es aus der Tasche und deutet seinem Gesprächspartner, dass der Anruf jetzt eher stört: «Wir pflanzen gerade Weinstöcke wie blöd.»

Das Telefonat ist zum Glück kurz. Der Vorsitzende des Fördervereins Römerbad Marktoberdorf und Hermann Weiß, sein Mitstreiter an diesem Tag, sind schließlich auf historischen Pfaden unterwegs. Sie basteln akribisch an einem Modell des römischen Gutshofs bei Kohlhunden.

Seit etwa einem Jahr wird gewerkelt. Grundlage sind Untersuchungen rund ums Badehaus mit der einstigen villa rustica. Die Bodenhöhen sind erfasst und sämtliche, noch im Boden befindlichen Grundmauern der Gebäude geortet. Auf diesen Informationen aufbauend, formte Zafer Kan aus Gips auf einer Fläche von gut einem Quadratmeter das Gelände zwischen Kuhstallweiher und Kohlhunden. Darauf legten Cheeseman und Weiß die Wege an, die Gebäude, die Pflanzen. Dabei zeigen beide sehr viel Liebe zum Detail. Im Garten der Gutsherren blühen die letzten Blumen rund um den Brunnen, den eine römische Göttin ziert.

Etwas weiter wird der Stall ausgemistet, von der Weide das Heu eingefahren, von den Bäumen das Obst geerntet. An anderer Stelle wird Holz verarbeitet. Und das alles im Maßstab 1:250. Vier Millimeter im Modell entsprechen also einem Meter in der Natur.

Das Leben nachempfinden

Cheeseman weiß, dass nur das Gelände und die Position der Häuser wirklich gesichert sind. Der Rest sei viel Fantasie. «Keiner kann sagen, wie die Gebäude aussahen und wie sie genutzt wurden.» Anhand von Literatur versucht er, das Leben in jener Zeit nachzuempfinden, damit die Besucher des Römerbades künftig eine Vorstellung haben, wie es in Kohlhunden vor 1800 Jahren ausgesehen haben könnte.

Als Mitte des ersten Jahrhunderts eine gallische Familie den Gutshof errichtete, hatte der Hausherr wahrscheinlich gerade seinen Dienst in der Garnison in Cambodunum (Kempten) beendet. Im Laufe der nächsten beiden Jahrhunderte wurde das Anwesen ausgebaut, lag es doch am Versorgungsweg zwischen Kempten und dem Römerlager in Epfach. Entsprechend könnte die Landwirtschaft strukturiert gewesen sein.

Mit dem Modell erfüllen sich Cheeseman und Weiß ein Stück weit einen Jugendtraum. Denn zu einer großen, selbst gebauten Eisenbahnanlage hatte es nie gereicht. Trotzdem sind beide sehr geschickt. Wertvolle Tipps holen sie sich bei Profis, die sich von Berufs wegen mit Modellbahnen beschäftigen.

Eine neue Attraktion

Das Modell soll eine der neuen Attraktionen werden, die die Römerfreunde für heuer planen. Ferner soll der von der Berufsschule errichtete Aussichtsturm eröffnet werden, ebenso der zweite Erlebnispfad. Noch ist das Modell nicht fertig. Beatrix Düthorn, eine weitere Mitstreiterin, sucht Schweine im Maßstab 1:250. Wird sie nicht fündig, muss Cheeseman improvisieren - so wie bei den Hühnern, die aus Stuhlrücken der Eisenbahnspur H0 entstanden. Derweil pflanzen er und Weiß aber ihre Weinstöcke.

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