Günzach
Reise zu den Rentieren

Keine Häuser, keine Autos, kein Lärm - nur das leise Rauschen des Windes begleitet einen Radfahrer, der die lange Straße gen Horizont strampelt. Die einzigen Verkehrsteilnehmer sind Rentiere, die aus den umliegenden Wäldern kommen, um die Straße zu überqueren. Einmal Teil dieser Idylle zu sein, das war viele Jahre ein inniger Wunsch des jungen Günzachers Martin Decker.

Der Physikstudent wollte selbst erleben, was er auf alten Dias seines Vaters schon viele Male bewunderte - Skandinavien und das Nordkap. Um hautnah mit Land und Leute in Kontakt zu kommen, entschloss er sich, die Reise mit dem «umweltfreundlichen und kostengünstigen» Fahrrad in Angriff zu nehmen. «Ich fahre schon immer gern Rad und liebe die Freiheit überall anhalten zu können, egal ob Siedlung oder Mitten in der Natur.»

Auf seiner Reise von der Heimatgemeinde Günzach an das weit entfernte Nordkap nutzte Decker zunächst Bahn und Fähre, um seine Reisezeit zu begrenzen. Ab dem südschwedischen Trelleborg verließ er sich dann aber allein auf seine Muskulatur. Mit 150 Kilometern am Tag bewegte sich der Physiker von nun an gen Norden. Ob Campingplatz, oder Wildcampen, der Günzacher genoss zu jeder Zeit den Kontakt zu Mensch und Natur.

«Ein Schwede, den ich nach dem Weg fragte, lud mich spontan zum Essen ein. Wir verbrachten einen geselligen Abend in seinem Haus an einem kleinen See», erzählt Decker eine seiner vielen positiven Erfahrungen mit der Gastfreundschaft der Skandinavier.

Getreu dem Motto «der Weg ist das Ziel», strampelte er Richtung Finnland. Fahrradpannen, abnehmende Temperaturen und Moskitos konnten den Allgäuer nicht daran hindern, seine Abende in «wunderschönen Buchten bei super Sonnenuntergängen» zu genießen. «Ich hatte Glück mit dem Wetter, in der gesamten Zeit regnete es nur fünf Tage», erinnert sich der Student, der inzwischen im fernen Lappland angekommen war.

Immer weniger Siedlungen, kahler werdende Landschaften, Rentierherden und später die Baumgrenze machten dem Günztaler deutlich, dass er nach vielen Tagen auf seinem Fahrrad dem Nordkap näher kommt. Doch wurde der Student, als er am Polarkreis ankam, ein wenig enttäuscht: «Statt Idylle fand ich Massentourismus.»

Zelten hinter der Nordkaphalle

Vom Polarkreis waren es nun nur noch wenige Tage zum Nordkap. Die Reise führte Decker, fern der Touristen, vorbei an unzähligen Seen und unberührter Natur, die ihm Kraft gaben, um das Nordkap zu erreichen. Doch diesmal wurde der Günzacher von Touristenmassen und dem am Nordkap üblichen Regen verschont: «Kurz vor dem Ziel riss die Wolkendecke auf und es schien die Sonne. Am Nordkapdenkmal hatte ich einen meiner spektakulärsten Sonnenuntergänge der ganzen Reise», berichtet der Student.

«Zu viert hatten wir das Nordkap für uns. Wir genossen das Panorama an der 300 Meter hohen Steilküste und zelteten windgeschützt hinter der Nordkaphalle.» Auch der achtstündige Fußmarsch zum «echten» Nordkap, fern des ausgebauten «Touristennordkaps», war Teil des zweitägigen Aufenthalts im nördlichsten Norden.

Nach dem «einmaligen Erlebnis» brach Martin auf, um die lange Heimfahrt anzutreten. «Eines der schlimmsten Stücke der Strecke war bereits nach wenigen Kilometern der Nordkaptunnel. Sieben Kilometer unter dem Meer mit bis zu zehn Prozent Steigung und ohne Tageslicht machten die Durchfahrt zur reinen Qual», erzählt Decker.

Auf der Heimfahrt nutzte der Allgäuer dann Bahnen und Fähren, um nach weit über einem Monat Reisezeit und mehr als 3000 geradelten Kilometern wieder im heimischen Günzach anzukommen. «Die Reise war ein zutiefst beeindruckendes Erlebnis. Die unzähligen Eindrücke von Menschen und der unberührten Natur werden mich noch lange begleiten», so Decker, der sich inzwischen an der Universität auf seine Diplomarbeit vorbereitet.

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