Pleitegeier kreisen ohne Unterlass

Kempten(buc). Geiz mag zwar geil sein, zahlen muss man aber trotzdem, wenn man was kauft. Und auch die Mutter aller Schnäppchen gibt nichts umsonst heraus. Schnell ist da das Konto in den Miesen. Kommen Krankheit oder Arbeitslosigkeit dazu, wachsen vielen die Schulden über den Kopf. Eine Entwicklung, die auch in Kempten zu beobachten ist: Die Zahl der Privat-Insolvenzen steigt immer weiter, die Zahlungsmoral sinkt. Gericht und Schuldnerberatung haben mehr zu tun, das AÜW verschickt jährlich rund 25000 Mahnungen in seinem Netzgebiet. 57 Insolvenz-Anträge von Privatleuten gingen in den ersten drei Monaten des vergangenen Jahres beim Amtsgericht ein. 'Heuer haben wir allein in den ersten beiden Monaten bereits 46', erklärt Amtsgerichts-Direktor Gerhard Dambeck. Insgesamt rechnet er mit einer weiteren, vielleicht nur leichten Steigerung, aber: 'Wir bewegen uns da ja bereits seit längerem auf einem sehr hohen Niveau.' Zwei Gruppen sind es, in die sich die Überschuldeten einteilen lassen, die sich schließlich ans Gericht wenden, meint Dambeck: 'Zum einen die, die unverschuldet in das Schlamassel geraten sind. Durch fremd-bestimmte Einflüsse wie Krankheit oder den Verlust des Arbeitsplatzes.' Und dann die, die durch Sorglosigkeit und unkontrollierte Lebensführung ins tiefe Schuldental gestiegen seien.

Freilich, so der Amtsgerichtsdirektor, gebe es hier viele Untergruppen und Mischungen, komme es etwa nach dem Verlust des Arbeitsplatzes zur Scheidung und der Zwangsversteigerung des Hauses. Wachsende Arbeitslosigkeit, Scheidung, niedrige Einkommen, steigende Preise - mit die Hauptgründe dafür, dass die Zahlungsmoral etlicher AÜW-Kunden tief in den Keller gegangen ist und auch dort unten bleibt, meint Pressesprecherin Ursula Speiser: 'Letztes Jahr hatten wir zudem 25000 Mahnungen als ersten Schritt in unserem Mahnverfahren. Die weitaus meisten Kunden freilich versuchen zu bezahlen oder treffen mit uns eine Ratenvereinbarung.' Es sei ja nicht so, dass die Leute nicht zahlen wollen: 'Viele können es einfach nicht mehr - und jede Insolvenz im Allgäu trifft letztlich auch uns.' So habe das AÜW im Allgäu letztes Jahr allein mit 69 Firmen-Insolvenzen zu tun gehabt. 'Sehr hoch' sei seit etwa drei Jahren auch die Zahl der Privatpersonen, die die Rechnung schuldig bleiben: 'Vor fünf Jahren war das noch längst nicht so gravierend.' Zitat Die Unfähigkeit vieler Leute, ihren Lebensunterhalt genau zu kalkulieren oder sich zu beschränken, ist ein wesentlicher Grund für die steigende Zahl der Privat-Insolvenzen} Amtsgerichts-Direktor Gerhard Dambeck Nicht nur die Mahnbuchhaltung des Allgäuer Überlandwerks, auch die Schuldnerberatung der Diakonie hat immer mehr zu tun. Der Jahresbericht von Diakonischem Werk/Johannisverein verzeichnet 548 Haushalte (2002: 488), die sich an die Schuldnerberatung gewandt hatten. Davon kamen 301 aus Kempten. Von diesen erkundigten sich 77 konkret nach der Insolvenzberatung der Diakonie. Hier, so heißt es im Jahresbericht, resultieren die Schulden meist aus gescheiterter Selbstständigkeit. Zu beobachten sei jedoch auch eine zunehmende Zahl von Fällen gescheiterter Immobilienfinanzierung bzw. Folgeprobleme aus dem Kauf von 'Schrottimmobilien', die aus Gründen der Steuerersparnis gekauft wurden. Die gestiegene Zahl der Überschuldungen sei aber auch auf gescheiterte Selbstständigkeiten, die Insolvenzen so genannter 'Ich-AG's', zurückzuführen.

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