Pfarrer Weber: Palmeselziehen mehr als eine alte Tradition

Von Johanna Dauner Unterthingau - Über 300 Jahre hat der Esel nun schon auf dem Buckel. Und trotz des hohen Alters wird er immer noch bei schönem Wetter am Palmsonntag durch Unterthingau gezogen. Der Palmsonntag läutet die Karwoche ein, und an diesem Tag wird besonders des Einzugs Jesu nach Jerusalem gedacht. Traditionell werden Palmzweige gesegnet und in einer feierlich Prozession wird das Kreuz in die Kirche getragen. Seit zwölf Jahren wird in Unterthingau der aus Holz geschnitzte Palmesel wieder von Ministranten von der Schule bis in die Kirche auf einem speziell angefertigten Wagen gezogen. Pfarrer Günther Weber erweckte diese alte Tradition wieder zum Leben. Jahrhundertelang gehörte der Palmesel zum Palmsonntag wie das Ei zu Ostern. Doch in der Zeit der Aufklärung wurde neben anderen Brauchtümern auch die Palmeselprozession verboten. Die Thingauer Pfarrchronik überliefert, dass am 'Heylig Palm-Abend' der Esel nach Oberthingau gebracht wurde, da die Gemeinde am Sonntag von der Unterthingauer Kirche nach Oberthingau prozessierte. '1774 wurde dann das Spektakel vom Bischof verboten, da die Palmzieher zu viel Wein gesoffen und Unfug getrieben haben', erklärt Pfarrer Weber das Verbot.

'Denn wie der Maibaum bewacht wird, so musste auch der Palmesel in Oberthingau über Nacht bewacht werden. Und die jungen Männer vertrieben sich nun mal mit dem Trinken die Zeit.' Der Unterthingauer Palmesel mit Jesus Christus auf dem Rücken ist einer von den rund 50 Eseln, die in Bayern noch existieren. Die anderen wurden entweder zu Brennholz oder landeten bei Bauern in der Rumpelkammer, wo sie Jahrhunderte später wieder aufgefunden wurden. Damit erlebte dieser Brauchtum auch in vielen Allgäuer Gemeinden eine Renaissance. Für den Unterthingauer Pfarrer Weber ist das Palmeselziehen mehr als nur eine alte Tradition, 'ich finde, die Liturgie ist ein heiliges Spiel. Sie bedeutet nicht nur Erinnerung sondern auch Begegnung mit Gott. Wir leben mit den Sinnen und deswegen ist nicht nur das Wort wichtig sondern auch das Sehen. Und gerade Kinder brauchen das Erlebnis, um zu verstehen.' Damit der Palmesel mit Bildungsauftrag noch viele weitere Jahre durch das Dorf gezogen werden kann, steht er während des Jahres in der Unterthingauer Kirche. Denn da ist die Antiquität sicher vor dem Holzwurm.

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