Kaufbeuren
Perspektiven aus der Wärmestube und dem Vorstandszimmer

Wenn heute Nacht die Korken knallen, beginnt bekanntlich nicht nur ein neues Jahr, sondern gleich ein neues Jahrzehnt. Ein markanter Zeitpunkt also, an dem so mancher ins Nachdenken darüber kommt, was er sich von den kommenden Jahren erwartet. Wie auch die beiden Kaufbeurer Winfried Nusser und Thorsten Loose, die klare Wünsche an die nächste Dekade haben. Unterschiedlicher könnte ihre persönliche Situation aber kaum sein: Während Nusser seit genau einem Jahr Vorstandsvorsitzender der Stadt- und Kreissparkasse Kaufbeuren ist, betätigt sich der arbeitslose Loose ehrenamtlich in der Kaufbeurer Wärmestube des Sozialen Dienstes Katholischer Männer (SKM) als Hausmeister.

Gelernter Schreiner

Der gelernte Schreiner ist schon seit zwei Jahren auf Arbeitssuche, die Firma, bei der er vorher beschäftigt war, ging pleite. «Ja, man hat viel Zeit für sich, zu viel», betont der 38-Jährige. «In den ersten zwei, drei Wochen ist das ja noch nett, aber seitdem nervt es gewaltig.» Er ist froh, dass er sich in der Wärmestube am Kloster etwas einbringen kann. «Es baut mich auf, gebraucht zu werden.» Von 8 Uhr morgens bis zum späten Nachmittag ist er in der Einrichtung, abends sitzt der Alleinstehende meist in seiner Wohnung, schaut fern, liest ein Buch. «Weggehen kann ich mir nicht leisten, ich muss jeden Cent umdrehen.» Für das nächste Jahrzehnt möchte Loose vor allem eines: endlich eine geregelte Arbeit. «Das ist mein Hauptwunsch.

» Loose hat zudem gesundheitliche Probleme mit dem Rücken und soll mehr schwimmen. Aber der Eintritt in die städtischen Bäder sei trotz Ermäßigung für Hartz-IV-Empfänger zu teuer. «Ich würde mir wünschen, dass sich das in den nächsten Jahren ändert.» Politisch möchte er, dass sich «die Bürger auf die Hinterfüße stellen». Es gebe eine Zweiklassengesellschaft. Statt dessen solle man mehr zusammenstehen. Außerdem beunruhigt Loose der Raubbau an der Umwelt. «Es ist schon fünf nach 12», meint er.

Wer nun meint, dass ein Manager wie Winfried Nusser völlig andere Wünsche an das nächste Jahrzehnt stellt, sieht sich getäuscht. «Ich wünsche mir eine Rückbesinnung auf Werte - Offenheit, Ehrlichkeit, aber auch ökologische und ideelle Werte wie Gemein- und Familiensinn», so 55-Jährige.

«Man muss weg vom reinen Materiellen», ergänzt er. Auch ihm, dem Banker, geht die Gier und Gewinnsucht im Finanzbereich wie auch in der Gesellschaft zu weit.

Eine Sparkasse sei aber anders als Privatbanken nicht rein auf Gewinnmaximierung aus, sondern auch der Region verpflichtet. Dies wolle er gern wahrnehmen - auch im kommenden Jahrzehnt. Nusser leidet dabei keineswegs an einem Helfersyndrom, was letztlich unehrlich sei. Pater Rupert Lay habe ihn geprägt, der betonte, dass neben dem Helfen auch eine gesunde Portion Egoismus durchaus im Leben seinen Platz haben müsse.

Allerdings kann sich der dreifache Vater seiner Position oft kaum entziehen. In der Vorweihnachtszeit hatte er über Wochen jeden Abend berufliche Termine - und die Wochenenden waren ebenfalls ausgebucht. Viel Arbeit - «aber wir werden auch gut bezahlt», räumt er ein. Mit Ackermann und Co. sei er hingegen nicht zu vergleichen: «Millionär bin ich jedenfalls nicht.» Auch könne er sich keineswegs im nächsten Jahrzehnt zur Ruhe setzen, weil er bereits genug Geld verdient habe. Aber der gebürtige Kaufbeurer fühle sich, nachdem er 30 Jahre lang in anderen Städten tätig war, nun endgültig «angekommen». Das macht ihn zufrieden.

Beide Männer haben im Übrigen noch unerreichte Reiseziele. Nusser wollte unbedingt Kuba sehen, «solange es noch von Fidel Castro regiert wird». Diesen Traum hat er sich vor zwei Jahren erfüllt, auf seiner Wunschliste stehen nun noch Russland und China.

Loose hingegen würde gerne einmal Schottland bereisen, wenn er es sich leisten kann.

Ein Resümee: Wünsche gehen den Menschen bei allen Unterschieden sicher auch im neuen Jahrzehnt nicht aus. Egal, ob als Sparkassenchef oder als Arbeitssuchender.

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