Pallas und die Tage ohne Strom

Von Markus Bär, Kaufbeuren/Ostallgäu - Den 13. April des Jahres 1994 vergisst Otto Knecht, Ingenieur bei den Vereinigten Wertach-Elektrizitätswerken (VWEW), seinen Lebtag nicht mehr. 'Ich wurde um fünf Uhr morgens aus dem Bett geklingelt. Durch den verheerenden Schneesturm Pallas war die Stromversorgung im Ostallgäu stark betroffen.' Und in Kaufbeuren fiel der Strom genau um 9.16 Uhr aus. 'Grob gesagt alles, was im Stadtgebiet westlich der Wertach lag, war damals nicht versorgt', erinnert er sich. Mit gravierenden Folgen: Kassen in Geschäften funktionierten nicht, elektronische Türen blieben geschlossen, an Tankstellen konnte kein Benzin mehr ausgegeben werden, im V-Markt blieben Menschen in Aufzügen stecken, die Ampeln regelten den Verkehr nicht mehr. Erst etliche Stunden später, nachts um 1 Uhr, war Kaufbeuren wieder komplett versorgt. In vielen Landgemeinden, zum Beispiel in Friesenried oder Irsee, blieben die Wohnungen dagegen zum Teil mehrere Tage lang ohne Strom. Eigentlich hatte es im April 1994 schon nach Frühling ausgesehen, als das Tiefdruckgebiet 'Pallas' über das Ostallgäu hinwegzog und noch einmal kräftig Neuschnee brachte. Große Mengen Schnee lagen damals auf den Leitungen der Strommasten. 'Solange das Ganze statisch in einer Balance blieb, passierte auch nichts', erklärt Knecht. Aber in der Nacht zum 13. April kam Sturm von Westen auf, gleichzeitig stieg die Temperatur. 'Irgendwo im Bereich Biessenhofen wurde das Gleichgewicht gestört, der Schnee an einer Leitung abgeworfen. Mit dem Ergebnis, dass die betreffende Stromleitung schlagartig hochschnellte', so Knecht. Das löste eine Art Kettenreaktion aus. 69 riesige Stahlmasten knickten dadurch Stück um Stück ein. Sie sahen aus wie Plastikkonstruktionen, die erhitzt wurden, zusammenschmolzen und wieder erkaltet waren. Auch Richtung Oberbeuren oder im Bereich Kemnat konnte man die bizarr verbogenen Masten ausmachen. Durch dieses Phänomen wurde die Stromversorgung im Ostallgäu empfindlich gestört. 'Kaufbeuren wird durch die Umspannwerke in Leinau und in Oberbeuren versorgt', erklärt Knecht. Damals war aber das Umspannwerk in Oberbeuren ausgefallen. 'Nur Leinau funktionierte noch, doch das reichte nicht, um die ganze Stadt zu versorgen.' Um 9.16 Uhr blieb die Uhr an der Kaufbeurer Martinskirche stehen, wie damals in unserer Zeitung zu lesen war. Schüler jubelten, weil sie vorzeitig heimgeschickt wurden. Begründung: Die Heizung war ausgefallen und alle froren fürchterlich. Die Stadtverwaltung war telefonisch nicht erreichbar. Die Geschäfte in der Altstadt blieben dunkel und geschlossen. In den Krankenhäusern herrschte dagegen gelassene Ruhe, da sich beide Kliniken der Stadt mit eigens für solche Fälle fest vorgesehenen Notstromaggregaten versorgten. Lediglich die Röntgenabteilung wurde stillgelegt. Neugablonz hingegen blieb verschont. Dort flackerte das Licht nur ein paar Mal. Erst nach Mitternacht gelang es der VWEW, Kaufbeuren über das Umspannwerk Leinau (unterstützt von drei Notstromaggregaten, weil die Spannung nicht ausreichte), wieder komplett zu versorgen.

Glückliche Kachelofenbesitzer Während die nördlich gelegenen Landgemeinden wie Mauerstetten ohnehin weniger betroffen waren, blieben weiter südlich in Biessenhofen oder in Friesenried die Wohnungen dunkel. In so manchem Haushalt gab es plötzlich Reh oder andere vorsorglich eingefrorene Festtagsbraten, weil die Tiefkühltruhen ausgefallen waren. Wer einen Kachelofen besaß, konnte sich glücklich schätzen. In den Läden waren Kerzen und Feuerzeuge schnell ausverkauft. 'In einer Superaktion haben die Lechwerke dann gemeinsam mit der Industrie in nur zehn Tagen neue Masten hochgezogen', erinnert sich Knecht weiter. Das sei eine tolle Leistung gewesen. Überhaupt erinnern sich die wenigen Mitarbeiter bei den VWEW, die noch im Dienst sind, eher positiv an 'Pallas' und seine Folgen. 'Man konnte nur drei oder vier Stunden nachts schlafen, aber das hat gereicht, so aufgeputscht waren wir.' 'Pallas' sorgte jedenfalls für einen Ausnahmezustand, der noch heute von vielen immer wieder einmal als Gesprächsstoff dient. Übrigens: Eine 100-prozentige Sicherheit, dass sich 'Pallas' nicht wiederholen kann, gebe es keineswegs, sagt VWEW-Ingenieur Knecht abschließend.

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