Kaufbeuren / Gutenberg
«Nur die Liebe zählt»

Es ist eine Geschichte ohne Vorwürfe und böse Worte. Nicht die Vergangenheit, sondern die Zukunft steht im Vordergrund. Die Botschaft, dass sich Eltern um ihre Kinder kümmern sollten. Und der Stolz eines Vaters, dessen Sohn nun seinen Weg macht und auf eigenen Füßen steht, obwohl alles ganz anders hätte kommen können. Peter Maier (72) aus Gutenberg erzählt sie, und er findet es ein wenig kitschig, so zu reden, dann aber doch treffend: «Nur die Liebe zählt.» Dass Klemens (22) sein Pflegekind und nicht sein leiblicher Sohn ist, spielt dabei nur im Hintergrund eine Rolle.

Das Bild dieser Familie muss aus mehreren Teilen zusammensetzt werden, wie ein Puzzle. Denn Klemens selbst könnte wohl am meisten erzählen. «Das will er aber gar nicht», sagt Peter Maier. Der 22-Jährige studiert seit Kurzem Medienmanagement in Berlin. «Daran sieht man, was aus kleinen Kindern werden kann, wenn man sie nicht vernachlässigt», meint sein Ziehvater und beschreibt ihn als «klar denkend; einer, der sehr nüchtern mit seiner frühen Vergangenheit umgeht». Kurz: Er habe damit auf seine Weise abgeschlossen. Die Geschichte beginnt vor rund 20 Jahren und wurde Mitte der 90er Jahre bereits in dieser Zeitung beschrieben, aus Rücksichtnahme mit geänderten Namen. So soll es auch diesmal sein.

Sie handelt von einem Buben, der in Peter Maier und seiner Frau Dagmar Pflegeeltern findet, weil es Hinweise auf Vernachlässigung durch die leibliche Mutter in Kaufbeuren gibt. Die Familie kümmert sich bereits zeitweise um das Kind, um die Mutter zu entlasten, bis eines Tages das Unfassbare geschieht: Als Klemens wieder einmal da ist, meldet sich die Frau nicht mehr. «Freiheit war ihr wichtiger», blickt Peter Maier zurück. «Das Einzige, was dem Kleinen fehlte, waren Liebe und Zuneigung.» So sah es wohl auch das Jugendamt und übertrug der Familie nach dem üblichen bürokratischen Prozedere die Vormundschaft.

Seit dem Tod seiner Frau vor zwölf Jahren sei er «alleinerziehender Vater», erzählt Maier. Auch heute noch. Denn es ist in dieser Familie kein Thema, dass das Pflegeverhältnis mit der Volljährigkeit des Kindes endet. Seine Zuneigung habe Klemens in Gedichte verpackt, und damit auch den Schmerz über seine ganz frühe Kindheit. Maier hat drei weitere erwachsene Kinder, die bereits voll im Leben stehen. Nun möchte er dies auch Klemens ermöglichen. «In meinem Alter hält das jung», sagt der pensionierte Polizeibeamte, der seine Entrüstung über die «Erziehungsmethoden» mancher Eltern kaum verbergen kann: «Vielen ist das Haustier doch wichtiger als das eigene Kind.» Jeder Mensch sollte für dieses Thema, für Kinder in seinem Umfeld sensibilisiert sein.

Klemens leibliche Mutter wollte Jahre später, da war sie schon ins Rheinland gezogen, wieder Kontakt zu ihrem Sohn haben, ohne ihn aber wieder aufzunehmen. «Meine Mutter ist tot», habe der Junge damals der Mitarbeiterin des Jugendamtes gesagt, erinnert sich Peter Maier, und damit entschieden, sie nicht wieder zu sehen. Maier betont, dass er als Pflegevater in all den Jahren niemals gegen die leibliche Mutter gehetzt, lediglich Klemens Fragen beantwortet habe. «Das wäre sonst Betrug am Kind gewesen.»

Wie sehr die Familie samt ihrer drei weiteren Kinder den Jungen ins Herz geschlossen hatte, beschreibt Maiers verstorbene Frau Dagmar noch in ihrem Testament: «Es ist mein innigster Wunsch, dass Klemens auf keinen Fall mehr aus unserer Familie weg muss.»

Das könnte Sie auch interessieren

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen
Powered by Gogol Publishing 2002-2019