Kempten
Nie mehr sehn, was Quelle hat: An diesem Samstag endet eine Ära

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Das blaue Hemd mit dem berühmten Schriftzug am Kragen wird Richard Kaindl an diesem Samstag zum letzten Mal anziehen. Ein letztes Mal wird er die blau gestreifte Dienstkrawatte umbinden und ein letztes Mal zu dem markanten Gebäude am Freudenberg aufbrechen: Am heutigen Samstag schließt die Kemptener Quelle für immer ihre Türen. Für Richard Kaindl endet dann viel mehr als nur eine Ära in der Stadtgeschichte. Für ihn endet ein Teil seines Lebens.

Wenn der 56-Jährige über «seine Quelle» spricht, klingt es, als hätte er einen guten Freund oder ein Familienmitglied verloren. Mit einem Lächeln erinnert sich der Duracher daran, wie er vor fast 42 Jahren seine Lehre in der Fischerstraße antrat. Vielleicht deshalb, weil schon seine Mutter so gerne bei diesem Versandhaus bestellte. Vielleicht auch, weil er mit seinem Lieblingsteddy, dem «Peterle» von der Quelle, schon in Kindheitstagen immer ein Stück der Firma bei sich trug.

Diese innere Verbundenheit mit Quelle hat er nicht verloren. Niemals in den vielen Jahren, in denen das Kemptener Haus mehr als einmal am seidenen Faden hing. Zum Beispiel 2005, als das Personal schon samt und sonders gekündigt war und das Haus am Freudenberg aufgegeben werden sollte. Allein das Zusammengehen mit Woolworth rettete damals das Quelle-Technikcenter, zu dem das einst stolze Kaufhaus zusammengeschmolzen war.

Gebaut worden war das Gebäude in den 60er Jahren. «Die hatten schon ein Gespür für Immobilien», sagt der 56-Jährige über Gustav und Grete Schickedanz, die Quelle-Gründer. 3400 Quadratmeter in bester Einkaufslage - der Standort des Hauses ist trotz des sanierungsbedürftigen Äußeren bis heute 1A.

Sogar eine Kantine gab es

Ein paar Hundert Leute arbeiteten damals bei Quelle in Kempten - das Unternehmen hatte sich eben erst zum größten Versandhändler Europas aufgeschwungen und der Satz «Erst mal sehn, was Quelle hat» war in aller Munde. Sogar eine eigene Kantine gab es oben im Gebäude, erinnert sich Kaindl.

Grete Schickedanz hat Kaindl sogar persönlich kennengelernt - für 25 Jahre Betriebszugehörigkeit war er zu einem Abendessen mit ihr eingeladen. Kaindl unterhielt sich mit ihr - und sie gestand, das Kemptener Haus noch nie gesehen zu haben. «Da sagte ich: Frau Schickedanz, Sie müssen unbedingt mal kommen.» Und Grete Schickedanz kam. So spontan eines Tages, dass Kaindl - der einen Tag frei hatte - den erhofften Besuch verpasste.

Darüber kann der 56-Jährige heute lachen. Nicht lachen kann er darüber, was mit «seiner» Quelle geschah, als später Madeleine Schickedanz das Ruder übernahm und einen Manager nach dem anderen einsetzte.

Massenweise wurden die Quellehäuser an Investmentfirmen verscherbelt - die Kemptener Immobilie war eine von wenigen, die (bis zum Verkauf vor einigen Wochen) in Schickedanz-Besitz blieb.

Ein Museum auf dem Dachboden

Richard Kaindl arbeitete sich zum stellvertretenden Geschäftsleiter hoch. Kündigungsschutz, Abfindung? Im Strudel der Insolvenz geht auch Kaindls Lebensleistung unter. Ab Januar ist er arbeitslos. Und doch wird er seine Quelle weiter im Herzen tragen. Ein kleines Museum will er ihr einrichten, oben im Dachboden seines Hauses. Tränen treten in seine Augen beim Gedanken daran, dass er dann nur noch dort sehen kann, was Quelle hatte.

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