Mit der nötigen Reife

Von Manuel Stangorra Sonthofen Wenn fünf Harfenistinnen gemeinsam auftreten, ist das eine Besonderheit. So geschehen in der Sonthofer Kulturwerkstatt, als es unter dem Motto Klassisch Alpenländisch Irisch hieß: Vorhang auf für das Schüler-Harfenensemble von Jutta Kerber, die ihre Elevinnen präsentierte. Die bekannte Pädagogin aus Oberstaufen ist eine exzellente Kennerin der Harfenszene. Sie ließ es sich nicht nehmen, anregend und unterhaltsam die Veranstaltung zu moderieren. Zahlreich erschienen war das Publikum an diesem Abend und jeder kam wohl voll auf seine Kosten. Zu Beginn geleitete Kerber zu den Wurzeln des europäischen Harfenspiels, die im keltischen Irland zu suchen sind. Der Barde Turlough OCarolan spielte seinerzeit Stücke wie Princess Royal oder Planxty Brown an den Adelshöfen seiner Heimat. In Sonthofen wurden sie zum einen von der ganzen Gruppe, zum anderen als Duo von Corinna Feucht und Catharina Stehle sicher vorgetragen. Die aus Petersthal stammende Schülerin Franziska Widmer schloss sich an mit dem Solo Mountain of women und erntete viel Beifall. Kleine Unsicherheiten nahm sie sportlich und spielte wie ein Profi darüber hinweg, so dass es manch einem Hörer sicher gar nicht aufgefallen ist. Zumindest gaben diese auch bei den anderen Künstlerinnen immer mal wieder auftretenden kleineren Schnitzer dem Konzert sein unverbrauchtes Live-Fluidum. Vieles wurde ja gar zum ersten Mal öffentlich vorgetragen und da ist immer Nervosität im Spiel!Weiter ging die Geschichts-Reise der Harfenmusik in den Alpenraum, der zu den innovativsten des Harfenspiels zählt, denn die Hakenharfe wurde in Tirol erfunden.

Catharina Stehle und Franziska Widmer präsentierten einen beschwingten Alten Walzer. Die einfache Pedalharfe ersann sich Jakob Hochbrucker und der Ländler, den Widmer darauf spielte, erinnerte an die Hoch-Zeit dieses Instruments, für das auch Mozart komponierte. Der französische Virtuose François Joseph Nadermann (1772 bis 1835) schrieb sieben Sonaten für die Harfe, von denen zwei in Auszügen in diesem Konzert zu hören waren: Die erst 14-jährige Andrea Schiebel zeigte ihr Können mit dem Rondoletto aus der 1. Sonatine; noch brillanter erhob sich der 1. Satz aus der 6. Sonate, den die 17-jährige Corinna Feucht vom Stapel ließ: Musikalisch bot sie hier und bei John Thomas Watching the weed die reifste Leistung des Abends und hatte dynamisch immer eine genaue Zielvorstellung. Das rankende Sechzehntelbeiwerk schüttelte sie locker aus den Fingern und knetete nach belieben die Saiten. Kontrastreich dazu gesellte sich die Abiturientin Teresa Rasch, die eher unspektakulär, aber dennoch mit der nötigen Reife Alphonse Hasselmans Serenade Melancolique interpretierte. Die Reihe setzte sich noch lang fort, denn an Programm schien es den jungen Damen nicht zu mangeln. Auch der zweite Teil des Abends war kaum weniger spannend gestaltet. Dort glänzte Rasch noch einmal mit einem perkussionistische Elemente verarbeitenden Werk Bernard Andrès, das ebenso überzeugte, wie das von Widmer gebotene Cocorna des in Frankreich beheimateten zeitgenössischen Komponisten. Bevor die Fünfergruppe ihre keltisch-elfengleiche Zugabe Andro ins Auditorium hauchte, hatte Catharina Stehle mit der stimmungsvoll-religiös anmutenden Miniatur Gratitude (Dankbarkeit) aus der Feder der kalifornischen Harfenistin Kim Robertson entzückt. Das waren 120 Minuten Harfenmusik, die im Herz hängen blieben.

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