Kaufbeuren
Mit dem Rad ins «Bezirksamt Russland»

Kurz, aber heftig - so war wohl das Dasein des ersten Kaufbeurer Fahrradvereins. Der «Radler-Club Kaufbeuren» existierte nämlich wahrscheinlich nur von 1894 bis 1895. Darüber berichtet Jürgen Kraus in den neuesten Kaufbeurer Geschichtsblättern des Heimatvereins.

Acht honorige Kaufbeurer kamen am 9. März 1894 zusammen. Sie bestimmten Ferdinand Erdt zum Obmann, Johann Angerhofer zu seinem Stellvertreter und zwei Mark als Jahresbeitrag. Zwar sei das Ziel des Radler-Clubs die körperliche Ertüchtigung gewesen, doch Kraus mutmaßt angesichts des Tagebuchs, dass es eher um «geselliges Biertrinken auf dem Umweg des Radfahrens» ging. Obmann Erdt dokumentierte nämlich das Treiben des Vereins im ersten Jahr.

Der erste Ausflug Ende März führte offenbar nach Oberdorf. Erdt und seine Kollegen schienen dabei der Ansicht zu sein, dass das dortige Bezirksamt hinterwäldlerisch ist, deshalb schrieb der Obmann vom «Bezirksamt Russland, allwo eine noch direkt von Gott eingesetzte Obrigkeit waltet».

Die nämlich habe die Radler schikaniert und mit einem Strafbefehl drangsaliert: Statt auf den Ochsen- und Rindviehwegen fahren zu dürfen, wurden die Pedalisten zu Lastfuhrwerken erklärt, weshalb sie auf der Straße zu fahren hätten - «einem noch von der Sündfluth herrührenden Sumpf». Doch schon Anfang April fuhren sie auf ihren Velos nach Germaringen - wahrscheinlich auf sogenannten Niederrädern mit Luftreifen. Dort zogen sie aber nur von Gasthaus zu Gasthaus, wobei sich das «ungezwungenste Leben entwickelte». Danach führten die Ausflüge nach Pforzen, Biessenhofen oder Friesenried. Übereifrige Bereitschaft konnte dabei schon mal mit einer «intimen Straßenbekanntschaft» gebüßt werden, so der humorvolle Chronist. Auch eine andere Bekanntschaft kann der geneigte Radler noch heute nachvollziehen:

Als Erdt und seine Gesellen von einer Tour aus Bernbach zurückkamen, wo es gebrannt hatte, wurde es nämlich tierisch. «Mit Geschickes Mächten ist kein ewiger Bund zu flechten, und das Unglück schreitet schnell in Gestalt eines bissigen Schnauzels, welcher sämtliche Radler der Reihe nach verfolgte», schrieb Erdt. Und fügt lakonisch hinzu: «Radler Deuringen wurde gebissen.»

Die letzte notierte Fahrt ging nach Vorarlberg und Tirol: «Mit ihrer ausführlichen Beschreibung endet Ferdinand Erdts Tagebuch und mit ihm vermutlich die Geschichte des ersten Kaufbeurer Radfahr-Clubs», erläutert Kraus. (fro)

Kaufbeurer Geschichtsblätter 18/2009.

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